Interview mit Kai Wingenfelder von „Fury in the Slaughterhouse“

„Das Vertrauen der Künstler in die Politik ist nicht mehr gegeben“

Wingenfelder Band

Kai Wingenfelder mit seiner aktuellen Formation „Wingenfelder“. Quelle: Wingenfelder

Als Sänger und Songschreiber der Band „Fury in the Slaughterhouse“ wurde Kai Wingenfelder in der 90er Jahren einem Millionenpublikum bekannt. Die Band bestand 22 Jahre lang und tourte europaweit. Mit dem legendären Album „Mono“ sowie dem Nachfolger „The Hearing and the Sense of Balance“ waren „Fury“ auch zwei Jahre lang in den USA auf Tournee. Seit 2010 ist Kai im Duo mit seinem Bruder Thorsten unterwegs. Unter dem Namen „Wingenfelder“ haben die beiden seitdem bereits vier Alben veröffentlicht und gehen ebenfalls regelmäßig auf Tour. Doch auf drahtlose Bühnentechnik wie etwa Funkmikrofone werden sie dabei immer öfter verzichten müssen, wie Kai Wingenfelder im Interview mit „SOS – Save Our Spectrum“ beklagt. Schuld daran sind die wiederholten Frequenzauktionen der Regierung, die „Digitalen Dividenden“ Nummer 1 und 2, die einseitig zulasten der Kultur- und Kreativindustrie gehen. Lesen Sie nachfolgend mehr über die Konsequenzen für Kai Wingenfelder als Künstler, für das Publikum und die deutsche Veranstaltungswirtschaft insgesamt – und über die Handlungsmöglichkeiten der Künstler, sich gegen den Verlust von Funkspektrum für Bühneninszenierungen zu wehren.

 

Kai Wingenfelder (links) mit seinem Bruder Thorsten. Quelle: Wingenfelder

Herr Wingenfelder, was bedeutet die jüngste Frequenzauktion der Bundesnetzagentur für Sie persönlich?

Für mich ist das Ganze sehr ärgerlich, denn ich besitze selber einiges an drahtloser Technik. In der Musikkultur, was Rock- und Popmusik angeht, werden ja sämtliche Gitarren und auch der Gesang meist drahtlos übertragen, damit man sich auf großen Bühnen bewegen kann. Wenn die Frequenzen umgestellt werden, dann werde ich meine jetzige Ausrüstung nicht mehr benutzen können. Schon jetzt habe ich Equipment, das nicht mehr störungsfrei funktioniert. Das steht in der Gegend rum und ich kann meinen Kindern vielleicht noch ne kleine Funkstrecke damit bauen, aber auf der Bühne kann ich es nicht mehr einsetzen. Insgesamt wird der Verlust finanziell sicher in die Tausende gehen.

Aber die Technik ist ja ersetzbar, oder?

Nicht ohne weiteres. Es ist aufgrund der politischen Lage momentan ja nur schwer abzusehen, für welche Frequenzbereiche ich mir gefahrlos neues Equipment kaufen kann – ohne dass ich dort mit Störungen rechnen muss oder in ein paar Jahren vielleicht die nächste Frequenzauktion kommt. Deshalb orientiere ich mich wieder aufs Kabel zurück. Mit Kabelmikrofonen bin ich zwar vor Frequenzauktionen und Funkstörungen sicher, aber es hat leider Konsequenzen für meine künstlerische Darstellungsfreiheit und damit auch für das Publikum. Dinge, die früher möglich waren, z.B. mit der Band ins Publikum gehen, können wir leider ohne Drahtlostechnik nicht mehr machen.

Haben Sie schon mit anderen Künstlern und Technikern über das Thema gesprochen – wissen Sie, wie es denen geht?

Ja, natürlich. Die haben alle die gleichen Probleme. Hier werden gerade Frequenzen verkauft, die für Kunst und Kultur extrem benötigt werden. Momentan haben die Leute alles, was sie brauchen, also ihr Equipment. Aber durch den Verkauf der Frequenzen wird es ihnen genommen und sie müssen sich neue Hardware kaufen, damit sie das weitermachen können, was sie jetzt machen – für viel Geld. Was total blödsinnig ist, denn genau das haben diese Leute eben häufig nicht. Außer in der „Oberliga“, in der Preisklasse etwa eines Herbert Grönemeyer. Von dort hört man momentan noch die wenigsten Beschwerden.

Das könnte sich aber bald ändern, denn die Frequenzen werden knapper und gerade große Acts brauchen oft sehr viele Funkstrecken auf der Bühne.

Mag sein, aber das ist der normale Gang der Dinge. Man wacht häufig ja erst dann auf, wenn es zu spät ist. Und im Endeffekt trifft das nicht nur die Musiker, sondern auch die Veranstalter. Denn die können nicht mehr die Shows bieten, die das Publikum gewöhnt ist. Es geht schlicht nicht mehr, die Künstler sind ohne die gewohnte Technik nicht mehr in der Lage, das zu liefern. Und das Publikum kann es nicht mehr erleben. Das ist sehr schade.

Was bedeutet das für die deutsche Veranstaltungswirtschaft im Vergleich zu anderen Staaten?

Das bedeutet, dass die deutsche Veranstaltungswirtschaft international ins Hintertreffen gerät, weil die Attraktivität und Vielfalt nicht mehr gegeben ist. Wir Künstler wollen auf der Bühne das tun, was wir können. Und in ganz Europa können wir das bis jetzt auch. Nur in Deutschland ist es extrem. Deutschland ist denke ich das Land, das mit am Meisten unter dem Ausverkauf der Frequenzen leidet.

Kai Wingenfelder auf der Bühne mit Funkmikrofon. Quelle: Monika Haake-Kirchhoff

Kai Wingenfelder live auf der Bühne – mit Funkmikrofon. Foto: Monika Haake-Kirchhoff

Haben Sie eine persönliche Botschaft an die verantwortlichen Politiker und die Bundesnetzagentur?

Meine persönliche Botschaft ist: Deutschland war eigentlich immer ein Land der Kultur, ein Land der Dichter und Denker. Momentan habe ich allerdings das Gefühl, dass das Denken etwas zu kurz kommt.

Wie meinen Sie das?

Ich habe das Vertrauen in die Politik verloren, wenn ich ehrlich bin, und das geht auch allen anderen Künstler so. Das Vertrauen der Künstler in die Politik ist nicht mehr gegeben. Sie weiß nicht, was sie tut, wenn sie Frequenzen verscherbelt, die wir dringend brauchen. Ich glaube – und das ist auch die einhellige Meinung der Kollegen, die ich kenne – die Politiker machen sich nicht entfernt Gedanken darüber, ob sie mit ihren Frequenzauktionen irgendetwas zerstören könnten. Wir glauben alle, die machen sich höchstens Gedanken darüber, wo sie noch ein paar Kröten herkriegen. Das ist ein Thermometer der Gesellschaft, und wir denken alle, dass hier ein Umschwung dringend nötig ist.

Also sollten Politik und Gesellschaft vom Kommerz Abstand nehmen und Kunst und Kultur wieder stärker wertschätzen?

Wir Künstler haben gar nichts gegen Kommerz, denn wir leben davon. Es ist schon so, dass man die Kunst durchaus kommerzialisieren kann. Man sollte die Kunst nur nicht vergessen, sonst kann man nämlich nichts mehr verkaufen. Genau darüber sollten die Politiker mal nachdenken, denn sie zerstören die Basis. Das ist ein Problem mangelnder Weitsicht. Aber da die Weitsicht der Politik meist nur exakt vier Jahre reicht, sehe ich von alleine zunächst auch keine große Chance zur Änderung.

Gibt es eine Chance zur Änderung? Was müsste aus Ihrer Sicht getan werden, damit sich die Politik bewegt und der Kultur- und Kreativindustrie endlich langfristig ausreichendes Funkspektrum zur Verfügung stellt?

Ich wünsche mir, dass sich alle in der Kunst und Kultur zusammenschließen und aufbegehren, damit noch viel mehr Menschen auf das Thema aufmerksam werden. Das ist unser Vorteil als Künstler: Wir haben das Publikum hinter uns. Hoffen wir, dass alle Künstler bald merken, wo der Hase im Pfeffer liegt, dann könnten wir gemeinsam auch etwas verändern.

Ihnen schwebt also eine Art Künstlerallianz für drahtlose Mikrofone vor?

Ja, so könnte man es nennen. Wir müssen die Politiker in eine Situation bringen, in der sie handeln müssen. Man könnte sich zum Beispiel zusammenschließen und dann gemeinsam ein Statement abgeben. Oder zusammen ein Konzert veranstalten, um Werbeanzeigen zu finanzieren. Dann sieht die Politik, dass nicht nur ein einzelner, möglicherweise unbekannter Künstler aufsteht und etwas sagt, sondern 500 wirklich bekannte Künstler, deren Musik alle kaufen. Und wenn diese Künstler dann einen Post auf Facebook machen mit meinetwegen 500.000 Klicks drauf – dann wird die Politik wachsam, das ist der Moment, in dem sich etwas bewegt. Weil die Politiker dann Angst kriegen, dass diese 500.000 sie beim nächsten Mal eben nicht wählen. Und genau da muss man einhaken.

Haben Sie sich selbst schon als Aktivist in diese Richtung betätigt?

Ich habe schon einiges in die Richtung getan und das Thema an andere Managements, andere Künstler und auch Veranstalter herangetragen. Einige größere Veranstalter haben es schon auf ihren Seiten gepostet gehabt. Ich werde auch weiterhin bei Gelegenheit mit Künstlerkollegen, die einen großen Namen haben, darüber sprechen. Und natürlich unterstütze ich gerne die Initiative „SOS – Save Our Spectrum“ mit meinem Namen.

Herr Wingenfelder, wir bedanken uns herzlich für Ihre Unterstützung und für das Interview.

 

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