Helwin Lesch vom Bayerischen Rundfunk im Interview

„Die Situation für Funkmikrofone wird in vielen Gebieten kritisch“

Helwin Lesch hat täglich mit Frequenzen und Frequenzplanungen zu tun. Er ist Leiter der Hauptabteilung „Planung und Technik“ in der Produktions- und Technikdirektion des Bayerischen Rundfunks. Darin sind die Planungsabteilungen, die Anlagentechnik, die Rundfunkversorgung und das Frequenzmanagement zusammengefasst. Die Initiative „SOS – Save Our Spectrum“ hat sich mit Lesch über die praktischen Folgen des Verlustes des 700 MHz-Bandes für drahtlose Produktionsmittel unterhalten.

Helwin Lesch, Leiter Hauptabteilung “Planung und Technik“ der Produktions- und Technikdirektion, BR
Bild: Theresa Högner

Wie bereitet sich der Bayerische Rundfunk darauf vor, dass das 700 MHz Band in Kürze nicht mehr für den Einsatz drahtloser Produktionsmittel zur Verfügung steht?

Schon als es vor einigen Jahren absehbar war, dass auch das 700 MHz Band für Produktionsmittel nicht mehr  zur Verfügung stehen wird, wurden vom Bayerischen Rundfunk nur noch Geräte beschafft, die außerhalb des 700 MHz Bandes arbeiten, also zwischen 470 und 694 MHz.

Planen Sie Veranstaltungen jetzt anders?

Das wird sich bei größeren und großen Veranstaltungen noch zeigen, es kann aber davon ausgegangen werden, dass solche Veranstaltungen einen deutlich höheren Planungsbedarf mit sich bringen werden.

Wie wirkt sich dies konkret in einzelnen Gebieten und Städten auf Produktionen aus? 

Nachdem das 700 MHz Band noch nicht operativ vom Mobilfunk genutzt wird, nutzen bei größeren Veranstaltungen andere Betreiber unter Umständen nach wie vor dieses Band. Damit werden im Moment akute Engpässe verschleiert.

Steigt der Aufwand für die Koordination von Frequenzen? Kommt es vermehrt zu Störungen?

Davon kann ausgegangen werden, wobei wir noch nicht in der Situation waren, unter Verlust des 700 MHz Bandes eine Großveranstaltung zu planen oder durchzuführen. Noch ist das 700 MHz Band ja operativ nicht mit Mobilfunk belegt. Um die Auswirkungen abschätzen zu können, haben wir unter Berücksichtigung der Topographie und der Ausstrahlung der einzelnen TV Sender untersucht, wie sich dies in Bayern auswirkt.

Wir haben berechnet, wie viele Frequenzen für Produktionen und die Berichterstattung nach der Versteigerung des 800 MHz-Bandes in den einzelnen Gebieten noch verfügbar waren. Dann haben wir dies im Hinblick auf die verfügbaren Frequenzen nach der Versteigerung des 700 MHz-Bandes ermittelt. Die beigefügten Bilder zeigen, dass die Situation in vielen Gebieten kritisch werden wird, insbesondere wenn man die einstrahlenden TV-Sender noch mit berücksichtigt. Dort wird schon bei kleineren Ereignissen und Veranstaltungen ein erheblicher Aufwand notwendig werden, um Funkmikrofone ungestört nutzen zu können.

Wer bezahlt den Aufwand für die Frequenzkoordination?

Wenn die Koordination beim BR (Host Broadcaster) und nicht bei der Bundesnetzagentur liegt, dann liegt der erhöhte Aufwand bei uns. Denn es sind ja Ressourcen des BR, die dafür eingesetzt werden. In anderen Fällen (anderer Host-Broadcaster) liegt der Mehraufwand bei anderen Unternehmen. Auch wenn die Bundesnetzagentur tätig wird, zahlen die Broadcaster über entsprechende Beiträge und Gebühren den unzweifelhaft höheren Aufwand seitens der Bundesnetzagentur letztlich selbst.

Nutzt der Bayerische Rundfunk schon Ersatzfrequenzen? In welchen Frequenzspektren und für welche Produktionen? Welche Erfahrungen haben Sie bisher bei der Nutzung von Ersatzfrequenzen gemacht?

Zurzeit werden nur bei Videojournalisten (VJs) drahtlose Mikrofone zur Übertragung des Tons zur Kamera im DECT-Band in kleinem Maße eingesetzt.

Wie verändern sich Produktionen, wenn Ersatzspektrum genutzt wird?

Bei Produktionen sind meines Wissens noch keine Ersatzspektren genutzt worden, zumal die Hersteller auch noch Geräte dafür entwickeln müssen.

Reichen die verfügbaren Frequenzen für die Durchführung von großen Open-Air-Produktionen aus? Wie viele Strecken werden bei einzelnen Produktionen gebraucht?

Bei großen Produktionen, kann – technischer Stand heute – davon ausgegangen werden, dass durchaus Abstriche in der Anzahl von drahtlosen Produktionsmitteln gemacht werden müssen und Teile zwangsläufig drahtgebunden realisiert werden.

Wie viel hat der Bayerische Rundfunk in die Umstellung seiner drahtlosen Produktionsmittel investiert? Wird dies im Rahmen der Erstattungsrichtlinie wenigstens teilweise ersetzt?

Aufwendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind gemäß der Erstattungsrichtlinie nicht erstattungsfähig, so dass die Kosten einzig und alleine der BR selbst trägt. Da der Vorgang der Umstellung noch andauert können wir zur Investitionssumme noch keine Angaben machen.

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