Wolfgang Schöpe zur Zukunft der Veranstaltungstechnik

„Eine Digitale Dividende III wäre für unsere Mitglieder eine Katastrophe“

Der Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik (VPLT) vertritt die Interessen der Akteure in der Entertainment-Technologie-Branche. Sie ist eine der am schnellsten wachsenden und innovativsten Bereiche der deutschen Wirtschaft. Der Branchenumsatz liegt bei rund 4 Milliarden Euro. Der tägliche intensive Austausch mit den Mitgliedern wird über die Geschäftsstelle mit Sitz in der Region Hannover ermöglicht. Wolfgang Schöpe ist seit 2013 Vorstandsmitglied des VPLT. Er stand „SOS – Save Our Spectrum“ für ein Interview zur Zukunft der Veranstaltungstechnik zur Verfügung.

Blicken wir direkt in die Zukunft: Wie werden Events Ihrer Branche in Zukunft aussehen? Was sind zum Beispiel die viel diskutierten Hybridevents?

Das reicht von: „Wir feiern mit einer VR (Virtual Reality) – Brille zu Hause alleine“ bis hin zu „Der Mensch will wieder verstärkt zusammenkommen“.

Darunter fallen dann etwa vernetzte Events. Damit meine ich keine Online-Streamings, sondern: Ich hole mir eine Veranstaltung in mein Wohnzimmer und habe Gerätschaften, die mir einen – auch gefühlten – Eindruck des Events vermitteln. Möglich sind auch Avatare, die ich mit konkreten Aufgaben zu einer Messe schicke. Und wir werden immer mehr Megaevents mit über Entfernungen vernetzten Locations live erleben können.

Im nächsten Schritt sehe ich schon das Thema AR (Augmented Reality), in dem Messen, Konzerte aber auch Theaterbesuche mit digitalen Inhalten ergänzt werden. Ich denke, das einzelne Individuum will zukünftig aktiv Teil eines Events werden und mit einem Künstler oder dessen Hologramm interagieren. All das wird noch viele Innovationen in unserem Bereich fordern.

Wolfgang Schöpe, Vorstandsmitglied VPLT
Foto: VPLT S, Caroline Momma

Neue Eventarten benötigen vermutlich nicht nur Internet per Glasfaser, sondern auch mehr Funkspektrum als heute. Wie ist da Ihre Prognose?

Nicht nur die Eventformate werden Funkspektrum benötigen. Auch die Entwicklung der in Zukunft eingesetzten Technologien wird durch kabellose Übertragungen erst ermöglicht – z. B. beim Thema smarte Geräte. Man muss kein Visionär sein, um sich in fünf Jahren einen Techniker vorzustellen, der mit einer – nennen wir es heute noch – HoloLens einzelne Geräte durch Draufschauen direkt steuern kann. Hierzu wird zukünftig zwingend eine drahtlose und vernetzte Verbindung benötigt. Vielleicht wird dies durch den neuen Übertragungsstandard 5G möglich.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat in den letzten Jahren Funkspektrum verloren. Spüren Sie das vor Ort bei den Veranstaltungen Ihrer Mitglieder?

Selbstverständlich wird dies gespürt und es macht ein sicheres Arbeiten im Bereich Ton- und Videoübertragung immer aufwendiger. Eines der herausragendsten Merkmale in unserer Branche ist jedoch das Finden von Lösungen, auch in der sprichwörtlich letzten Sekunde. Dies bedeutet in aller Regel, dass die Show erfolgreich umgesetzt wird. Dies führt dann leider dazu, dass die Problematik nicht als grundsätzliches Problem wahrgenommen wird, sondern nur als eine von vielen Herausforderungen. Eine Folge davon ist, dass von vielen Verantwortlichen nicht erkannt wird, dass an einer sicheren, nachhaltigen Lösung gearbeitet werden muss.

Nun geistert das Gespenst einer „Digitalen Dividende III“ durch den Raum, also die Versteigerung des 600 MHz-Spektrums. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Die Versteigerung des 600 MHz-Bereiches („Digitale Dividende III“) wird sich leider nicht verhindern lassen. Die Interessen der Mobilfunkbranche werden als wichtiger angesehen als die Bedürfnisse unserer Branche. Für unsere Mitglieder ist dies eine Katastrophe, da es bedeutet, dass die nach der letzten „Digitalen Dividende“ angeschafften, neuen drahtlosen Produktionsmittel zum größten Teil nicht mehr eingesetzt werden können.

Im Rahmen der Messe „Prolight + Sound 2019“  wird eine Diskussionsrunde vom APWPT initiiert, zu der unter anderem die Bundesnetzagentur und auch der Bundesverkehrsminister eingeladen sind. Dort werden wir uns artikulieren.

In Ihrem Bildungsinstitut bieten Sie auch Seminare zum Frequenzmanagement an. Gibt es da nun verstärkt Bedarf?

Der Bedarf ist sicherlich vorhanden, aber die Lösungen werden “noch” vor Ort gefunden. Nicht umsonst hat ein pfiffiger Techniker immer ein kabelgebundenes Mikrofon irgendwo in seinem Tool Case. Aber große Venues erkennen langsam, dass das Thema der Frequenzen und die sichere Koordinierung bzw. Abstimmung des vorhandenen Spektrums langfristig Aufgabe des Betreibers wird. Hier steigt die Nachfrage nach den Möglichkeiten, diesem gerecht zu werden.

Wenn Frequenzen fehlen, sind viele Tontechniker und Sounddesigner erfinderisch, um freie Funkstrecken zu finden – ohne Anmeldung bei der Bundesnetzagentur. Ist dieses Vorgehen empfehlenswert?

Selbstverständlich ist dies nicht empfehlenswert. Wie auch bei der „Digitalen Dividende II“ lag darin eine der Argumentationsschwierigkeiten unserer Branche – wenige Anmeldungen von Frequenzen und somit kein oder wenig “sichtbarer” Bedarf. Somit kann man der Politik schlecht einen Vorwurf machen, wenn sie, auf diesen Zahlen basierend, ihre Entscheidungen trifft. Daher verfolgt der VPLT auch die Bemühungen der Kollegen aus der Schweiz, die eine App erstellt haben, mit Hilfe dieser der tatsächliche Einsatz gemeldet werden kann – ob genehmigt oder als schnell funktionierende Lösung.

 

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