Immer weniger Frequenzen und große Angst vor einer Digitalen Dividende 3

„In enttäuschte Kinderaugen zu schauen, ist nicht schön“

Hanspeter Holzer gehört zu den Experten, die seit Jahren Südtiroler Großveranstaltungen wie den „Drei Zinnen Alpine Run“ mit tausend Teilnehmern tontechnisch betreuen. Das wird aber immer schwieriger, da ihm immer weniger freie Frequenzen zur Verfügung stehen. Als diplomierter Veranstaltungstechniker hat Holzer für Vereine, Verbände und Kulturhäuser in den letzten Jahren Funkstreckensysteme umgesetzt, im Vertrauen darauf, dass zumindest die verbliebenen Frequenzbänder bis 2030 einigermaßen sicher wären. „Wir haben hier ganz einfach nicht mehr die finanziellen Ressourcen, um weitere Investitionen im fünfstelligen Bereich zu verkraften und perfekt funktionierende, neu angeschaffte Technik erneut zu verschrotten“, sagt der Südtiroler im Interview mit SOS – Save Our Spectrum.

Woran denken Sie, wenn Sie das Stichwort “Digitale Dividende 3” hören?

Die anfangs noch recht entspannte Erwartungshaltung hat sich mittlerweile ehrlich gesagt in eine – ich kann es nicht anders ausdrücken – „Horrorvision“ verwandelt. Die Nutzung der Frequenzen im GHz-Bereich bei gleichzeitiger Verkleinerung und damit Aufstockung der Zellen für 5G und zukünftige Technologien erschien mir und vielen Kollegen in der Branche für den Mobilfunk als zielführend, notwendig und richtig.

Für einige Zeit schien es damit auch relativ klar, dass Investitionen in den Frequenzbereich zwischen ca. 480-680 MHz bis zum Jahr 2025, wenn nicht bis 2030 sicher seien.

Hanspeter Holzer, Veranstaltungstechniker

Dies hat sich nun diametral geändert.

Natürlich versteht man als Techniker mit Knowhow im RF-Bereich (RF = Hochfrequenz) die wirtschaftliche Motivation hinter dem Lobbying der Mobilfunkindustrie. Denn darum geht es, und nicht etwa um die flächendeckende Versorgung Deutschlands und Europas mit schnellem Internet. Was mich daran besonders ärgert, ist das Desinteresse, oft gepaart mit Unwissen, der zuständigen Politik. Die Ankündigungen, welche den Genickbruch für die meisten RF-Bereiche in der Veranstaltungstechnik bedeuten würden, werden – welch Ironie – über genau jene RF-Veranstaltungstechnik medienwirksam hinausposaunt.

Wie ist die Situation für Amateurproduktionen in Südtirol? Können Sie das anhand des Drei Zinnen-Laufs beschreiben?

Der „Drei Zinnen Alpine Run“ ist von einem Phänomen für eine ganz spezielle, kleine Gruppe von Läufern zu einem der beliebtesten Bergläufe überhaupt mit 1000 Teilnehmern geworden. Er wird nach wie vor von einem Verein mit freiwilligen Helfern organisiert – und das ohne Gewinnabsicht!

Der technische Aufwand ist über die Jahre kontinuierlich gewachsen.

Wir versuchen, die Teilnehmer, deren Angehörige und Freunde dies nicht merken zu lassen – die Technik soll einfach nur funktionieren, unterstützen und nie im Mittelpunkt stehen oder gar negativ auffallen. Für die in diesem Bereich tätigen Helfer ist der Aufwand allerdings exponentiell gestiegen.

Um eine Funkstrecke vom Start zum Ziel und umgekehrt einrichten zu können, machen sich beispielsweise Abordnungen der Amateurfunker um fünf Uhr morgens auf den Weg, um eine batteriebetriebene Umsetzerstation auf den Rotwandköpfen (über 2000 Höhenmeter!) einzurichten, da es keine direkte Sichtlinie gibt. Bei jeglichen Witterungsbedingungen. Da wir uns in den Sextner Dolomiten durchwegs im Naturschutzgebiet befinden, wird alles mit dem Rucksack hingebracht, aufgebaut und anschließend wieder abgebaut. Eine sowohl technische und logistische als auch konditionelle Meisterleistung.

Die Erwartungshaltung der Teilnehmer ist zu Recht hoch, und wir versuchen dem durch den Einsatz technischer Produktionsmittel gerecht zu werden. Heuer zum Beispiel gab es zum ersten Mal zwei Livebildübertragungen von Hütten mitten in der Sextner Berg-Sonnenuhr, an welchen die Läufer vorbeikommen. Eine dritte ist für kommendes Jahr in Planung. Am Zieleinlauf vor der Kulisse der mächtigen Drei Zinnen gibt es diese Übertragung schon seit vielen Jahren. Natürlich läuft dies alles über die besagten, (noch) freien Frequenzen. In diese wurde in den vergangenen Jahren viel investiert.

Es dauert Jahre und viel Erfahrung, bis sich dies „einschleift“. Die Umstellung anlässlich der letzten Digitalen Dividende war eine Zäsur, vieles musste ersetzt, manches von Grund auf neu aufgebaut werden.

In den letzten Jahren ist viel Spektrum für drahtlose Produktionsmittel verschwunden. Erleben Sie das als Problem in der täglichen Arbeit?

Die ersten Probleme damit gab es bei Amateur- und Vereinsproduktionen in den Vereinshäusern. Von Faschingsgilden über Jugendchöre hatten alle mit demselben Phänomen zu kämpfen: Solange bei den Proben bis hin zur Generalprobe die Säle nur spärlich besetzt waren, gab es wenige Probleme. Sobald der Saal aber mehr und mehr besetzt wurde, gab es im besten Fall Dropouts, im schlimmsten Fall lautes Rauschen über die Saal-PA (Hinweis der Redaktion: „PA“ = Public Address, Fachausdruck für die Beschallungsanlage). Ursache ist vermutlich die sich füllende Zelle des Mobilfunkanbieters, welche dann logischerweise automatisch ein immer breiteres Band besetzt.

Szene aus dem Musical “I have a Dream” aufgeführt vom Jungendchor Sexten, Leitung: H. Tschurtschenthaler
Copyright: Markus Golser

Dies passiert leider bis heute, da von der Digitalen Dividende 2 betroffene (ansonsten aber einwandfrei funktionierende) Funkstrecken aufgrund von Unwissenheit nicht systematisch ausgemustert wurden und somit immer wieder auftauchen.

Da die damaligen Empfänger optisch auffällig nur die Kanalnummer anzeigten, war es für Amateure schwierig bis unmöglich herauszufinden, warum denn plötzlich die akribisch über Monate aufgebaute Freizeitproduktion aufgrund technischer Unzulänglichkeiten den Bach runterging. Selbst Profis erlebten diverse Überraschungen, da kaum jemand damit rechnete, wie schnell beispielsweise Vodafone in Italien die neuen Frequenzen einsetzte. Bis in die kleinen Dörfer war damit zwar guter LTE-Empfang verfügbar, gleichzeitig funktionierten aber in den Vereinshäusern die Mikrofone nicht mehr.

Erst letztens tauchte das Problem bei einem Kindermusical wieder auf, da nach Problemen Funkstrecken im kritischen Frequenzbereich oberhalb von 700 MHz durch 2,4 GHz-Strecken ersetzt wurden, die ja vor einiger noch Zeit als „sicher“ galten. Mit der Konsequenz, dass die Dropouts nicht abnahmen, da das 2,4er Band im Saal völlig überlastet war. In enttäuschte Kinderaugen zu blicken, nachdem nach monatelangen Proben am Ende die Technik versagt, ist nicht schön. Also hilft man so gut es geht mit Wissen und Ausrüstung aus; noch! Denn wie eine nochmalige Verschrottung perfekt funktionierender Technik finanziert werden soll, ist für mich völlig rätselhaft.

Mussten Sie noch funktionsfähige Anlagen verschrotten oder droht Ihnen dies?

Für Anlagen in Frequenzbereichen oberhalb von 700 MHz ist dies bereits passiert. Darunter auch erfahrungsgemäß langlebige, qualitativ hochwertige Anlagen, was ich auch aus Gründen der Nachhaltigkeit sehr schade fand. Aufgrund des sehr frühen Ausbaus von LTE seitens Vodafone waren die dafür nötigen Frequenzen auch in peripheren Gemeinden sehr schnell belegt. Einerseits sicherlich begrüßenswert, da Italien damit beim LTE-Ausbau meines Erachtens besser dasteht als Deutschland. Andererseits kam die veränderte Situation für bestehende Anlagen mitunter sehr überraschend. Insgesamt wäre es aber ein noch knapp akzeptabler Kompromiss gewesen, würden Mobilfunkbranche und Politik jetzt nicht schon wieder „nachkarten“.

Was wünschen Sie sich von den nationalen Regierungen und der EU?

Die für Veranstaltungstechnik und Amateurfunk vormals versprochenen Frequenzen müssen erhalten bleiben. Vor allem bei uns hier in den Bergen haben wir ansonsten kaum noch Chancen, Veranstaltungen technisch einigermaßen sauber abzuwickeln.

Die jetzt als „Alternative“ angepriesenen Frequenzbereiche im GHz-Bereich sind bei der extrem niedrig gedeckelten Sendeleistung für unsere Großveranstaltung völlig untauglich und für PMSE allgemein zu unsicher.

Große Verleiher werden natürlich nicht so viel dagegen haben, da sie die Amortisierungszeiträume vermutlich erreichen werden. Vereine, Vereinshäuser und öffentliche Veranstaltungssäle dagegen werden daran wieder viele Jahre laborieren und unzählige Produktionen, die nicht von Geld, sondern von Herzblut und großem Einsatzwillen leben, werden daran scheitern. Die Frage ist: Was ist uns diese Freiwilligenarbeit und Kultur vor Ort wert und wie können wir diese gegebenenfalls unterstützen – und nicht behindern?

 

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