Manfred Schauer, der „Schichtl“ vom Oktoberfest, im Interview

Mit der Guillotine gegen Frequenzmangel

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Manfred Schauer in seinem Element. Foto/Quelle: Schichtl

Seit 1985 kennt man Manfred Schauer als den „Schichtl“ von der Wiesn. Das gleichnamige Varieté-Theater ist eine der bekanntesten Attraktionen auf dem Oktoberfest – seit 1869. Fester Bestandteil jeder Bühnendarbietung: die „Enthauptung einer lebenden Person auf offener, hellerleuchteter Bühne mittels Guillotine“. 25 Mal am Tag werden Menschen aus dem Publikum geköpft. Auch einige Prominente lagen beim Schichtl schon unterm Fallbeil: bisher unter anderem der ehemalige CSU-Vorsitzende Erwin Huber, der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, Rainhard Fendrich, Heiner Lauterbach und Christine Neubauer. Star-Magier David Copperfield war ebenfalls bereits zweimal zu Gast und ließ sich den Trick zeigen, selbst aufs Schafott getraut hat er sich aber noch nicht.

Jedes Jahr zieht das Oktoberfest als größtes Volksfest der Welt um die sechs Millionen Besucher an. Als Rekommandeur muss sich Manfred Schauer in großen Menschenmengen verständlich machen, sich in der Lautstärke gegen die umliegenden Geschäfte behaupten und die vor dem Theater Versammelten für den Besuch der Vorstellung begeistern. Aber nicht nur auf der so genannten Parade, der offenen Bühne vor dem Zelt, sondern auch in der Vorstellung setzt der Schichtl drahtlose Mikrofone und In-Ear-Monitoring ein – ebenso wie viele andere Schausteller, die Musiker in den Bierzelten sowie die Radio- und Fernsehreporter. Das für drahtlose Produktionsmittel verfügbare Frequenzspektrum ist auf dem Oktoberfest immer intensiv belegt. Wir haben mit Manfred Schauer über sein Geschäft, die Wichtigkeit drahtloser Produktionstechnik und drohende Frequenz-Engpässe gesprochen. Außerdem hat er uns verraten, welchen Wunschkandidaten er am liebsten einmal auf seiner Guillotine hätte.

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Ein sonniger Tag auf dem größten Volksfest der Welt.

Herr Schauer, bei jedem Oktoberfest richten Sie etwa 400 Personen hin, 25 am Tag. In 31 Jahren sind das ungefähr 12.400 Delinquenten gewesen. Ist dabei schon einmal etwas schiefgegangen?

Etwas mit Dramatik oder Tragweite ist noch nicht passiert. Eine Sache ist mir noch gut in Erinnerung: 1985, bei meiner ersten Vorstellung überhaupt, wollte mich der soeben Geköpfte verklagen, weil er Kunstblut am Hemdkragen hatte. Vielleicht war er auch nur enttäuscht, dass sein Kopf noch drauf war. Aber wir sind mit der Zeit dann natürlich immer filigraner geworden bei der Abnahme des Schädels.

Das Oktoberfest dauert zwei Wochen lang. Wie viele Zuschauer haben Sie in dieser Zeit?

Das ist schwer zu sagen. Man muss ja nicht nur die Leute im Theater zählen, sondern auch diejenigen, die sich vor dem Theater versammeln und mein Kabinett und mich auf der Parade sehen. Bei schlechtem Wetter gibt es natürlich Schwankungen. Da haben wir dann vielleicht nur vier Zuschauer, einen streunenden Hund und ein stehengelassenes Damenfahrrad vorm Theater. Wenn es richtig brummt, stehen 300 bis 500 Leute vor der Parade, von denen entsprechend viele in die Vorstellung kommen. Genauso unterschiedlich ist die Besucherzahl im Theater. Sie variiert meist zwischen zehn und 100 Besuchern.

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Manfred Schauer mit seinem Kabinett auf der Parade, der offenen Bühne vor dem Zelteingang. Foto/Quelle: Schichtl

Sind die Leute mittlerweile schwieriger ins Theater zu locken als früher?

Wenn man in großen Zeitabständen denkt, ja. Besonders seit der Jahrtausendwende haben wir kontinuierlich jedes Jahr einen leichten Rückgang an Zuschauern. Das fangen wir aber durch die Theaterschänke ab, die seit 2001 bewilligt ist: das Wirtshaus im Schichtl. Die Leute reservieren vorab und kaufen die Theaterkarten im Vorverkauf gleich mit. Natürlich sind auch das zahlende Zuschauer, aber ich habe ihr Geld am Abend nicht in bar in der Theaterkasse. Dort landet nur das Geld von denen, die sich vom Schichtl auf der Parade für die Vorstellung begeistern lassen. Die Kasse sagt mir also, wie das Wiesn-Publikum auf uns reagiert. Und da gibt es von Jahr zu Jahr leider eine leichte Abnahme.

Worauf führen Sie den Rückgang beim Laufpublikum zurück?

Die Wiesn ist weitgehend statisch geworden, das Bierzelt ist alles. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir als Schausteller nur noch das Licht anmachen, damit die Leute dorthin finden.

Warum setzen Sie Funkmikrofone ein?

Wir müssen den Leuten etwas bieten. Mit mir stehen noch acht Personen auf der Parade. Wenn man da richtig in Aktion ist und immer die Schnur am Mikrofon hat, ist das einfach kritisch und enorm hinderlich. Zum Beispiel dann, wenn wir zur Musik der Blues Brothers auf der Bühne herumtoben. Im Zelt brauchen die Darsteller freie Hände, deswegen haben wir dort vier Funk-Headsets im Einsatz.

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Es wird ernst: Henkersmannschaft und Guillotine sind bereit. Foto/Quelle: Schichtl

Wie sieht ihre Ausrüstung genau aus?

Ein bekannter Hersteller hat mir individuell ein Spezialmikro angefertigt und als Dauerleihgabe überlassen, das ich mir selber als Schausteller wahrscheinlich gar nicht leisten könnte. Das Modell setzen auch einige von den bekanntesten Musikern weltweit ein. Das Besondere an meinem Mikrofon ist, dass ich die Musik im Hintergrund per Knopfdruck dimmen kann. Diese Funktion gibt es serienmäßig nur als Automatik, die immer dann aktiv wird, wenn man in das Mikro spricht. Das war mir aber nicht flexibel genug.

Eine andere Sache ist noch der Ohrwaschel-Lautsprecher. Leute, die nicht so gut Deutsch sprechen, sagen auch In-Ear-Monitoring dazu. Auch ohne Kabel, das Empfangs-Kasterl trage ich am Gürtel. Das In-Ear-Monitoring brauche ich unbedingt, die Stimmbänder werden dadurch enorm entlastet. Es strengt sonst wahnsinnig an, wenn man hinter den Lautsprechern steht und seine eigene Stimme nicht hört. Monitorboxen am Boden wären wegen der Rückkopplung kritisch.

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Manfred Schauer mit seinem Funkmikrofon und In-Ear-Monitor. Foto/Quelle: Schichtl

Haben Sie Schwierigkeiten, freie Frequenzen zu finden?

Man ist auf der Wiesn schon auf sehr schmalen Pfaden unterwegs. Im Vergleich zu früher hat sich die Situation aber verbessert. Bis zur Jahrtausendwende hatten wir immer wieder Funkstörungen. Da hatte ich dann mitten in der Vorstellung plötzlich die Trompete oder Klarinette vom nächsten Bierzelt auf meinem Kanal. Auch den Ton von den mobilen Kameras der Fernsehreporter, die mit einer enormen Sendeleistung unterwegs sind. Das passiert aber heute nicht mehr. Die Geräte sind stärker auf ihre Frequenzen geeicht und die Bundesnetzagentur koordiniert die Nutzung mit Zuteilungen.

Wie hat das Publikum auf die Funkstörungen reagiert?

Unterbrechungen sind für die Darbietung immer zerstörerisch, begeistert ist niemand. Aber es hat sich meist ganz gut abfangen lassen, indem man direkt wieder zum Publikum Kontakt hergestellt hat. Es gibt auf der Wiesn – und im Leben überhaupt – nie jemand wichtigeren als den, mit dem man gerade spricht. Die Leute hatten im Großen und Ganzen Verständnis dafür, dass auf dem Oktoberfest und gerade auch beim Schichtl eine besondere Situation herrscht. Wir machen alles selbst und per Hand, elf Mitarbeiter sind zwölf Stunden am Tag beschäftigt.

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Alles per Hand: Ringo, der Schreckliche – der Henker beim Schichtl. Foto/Quelle: Schichtl

Sie sagen, dass solche Störungen mittlerweile der Vergangenheit angehören. Aber das Frequenzspektrum, das drahtlose Mikrofone nutzen können, wird nach den Frequenzversteigerungen der letzten Jahre (Digitale Dividenden 1 und 2) immer knapper. Bald muss der 700-MHz-Bereich geräumt werden. Ist das für die Wiesn noch verkraftbar? Oder sind wieder vermehrt Störungen zu erwarten?

Zur Wiesn allgemein kann ich nichts sagen, ich kann nur für den Schichtl sprechen. Dort halte ich mich zwölf bis dreizehn Stunden am Tag auf. Mit den anderen Schaustellern oder Wirten unterhalte ich mich kaum über Funkmikrofone, viele kennen sich damit gar nicht aus. Ich selbst befasse mich auch nicht im Detail damit. Bei technischen Fragen setze ich auf meinen Ausstatter, der mich in Sachen Mikrofone bis jetzt immer hervorragend beraten hat. Ich hoffe natürlich das Beste: dass wir von Störungen weiterhin verschont bleiben.

Mussten Sie wegen der Digitalen Dividenden schon einmal ihre Technik austauschen?

Nein, zum Glück nicht. Die Hauptkomponenten meiner Anlage habe ich seit ungefähr fünfzehn, das Spezialmikrofon seit acht bis zehn Jahren. Nach wie vor funktioniert alles tadellos.

Was machen Sie eigentlich, wenn keine Wiesn-Zeit ist?

Unter dem Jahr mache ich Veranstaltungen nach dem Motto: nichts, was der Mensch braucht, aber alles, was Freude macht. Von der Moderation bis hin zu Bühnenauftritten mit Künstlern, Musik, Catering. Außerdem organisiere ich Floßfahrten. Dabei kommt mir natürlich zugute, dass die Leute mich als den Schichtl vom Oktoberfest kennen. Auf Wunsch bringe ich auch die Marie Antoinette mit, so heißt meine Guillotine.

Und wer kann Sie buchen?

Alle, die gute Nerven haben. Sowohl Firmen wie auch Privatleute.

Abschlussfrage: Wen hätten Sie gerne auf Ihrer Guillotine, den Sie bislang noch nicht geköpft haben? Fällt Ihnen spontan ein Wunschkandidat ein?

Mein Wunsch wäre es, genau die Person auf die Guillotine zu werfen, die für den wohl kommenden Funkfrequenz-Salat verantwortlich sein wird.

Daran sind viele Leute beteiligt – auf verschiedenen politischen Ebenen. Sie hätten einiges an Arbeit.

Das macht nichts. Wenn die auch alle Eintritt bezahlen, dann sage ich: herzlich willkommen. Für Politiker haben wir übrigens ein besonderes Angebot: Wir können die Schädel auf Wunsch hohlraumversiegeln. Dann tritt beim Köpfen die heiße Luft nicht aus.

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