Staats- und Regierungschefs ohne Ton

Sprachlos auf der Münchner Sicherheitskonferenz

Der amerikanische Verteidigungsminister James N. Mattis bei seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2017. Foto: MSC / Kuhlmann

Alexander Mayr betreut mit seiner Firma TAPS Media GmbH die Audiotechnik bei besonders sensiblen Veranstaltungen wie der Münchner Sicherheitskonferenz oder der Bilanzpresse-konferenz des DAX-Unternehmens Allianz. Er sorgt mit einer Vielzahl von drahtlosen Mikrofonen und In-Ear-Systemen dafür, dass die Kommunikation funktioniert und Hörfunk und TV live berichten können. Gibt es dafür nicht genügend freie Funkfrequenzen, sind Störungen im Ablauf und in der Übertragung vorprogrammiert.

Im Interview beschreibt Alexander Mayr, wie Frequenzmangel und fehlende Planungssicherheit bei drahtlosen Produktionsmitteln an den Grundfesten hochrangiger Veranstaltungen in Deutschland rütteln – einem Land, das bislang als Vorzeigenation in der Rundfunktechnik gilt.

Herr Mayr, was genau machen Sie mit Ihrer Firma TAPS Media?

Alexander Mayr, Geschäftsführer der TAPS Media GmbH.

Wir sind ein Komplettanbieter für Medientechnik: Licht, Bühne, Audio. Zum Portfolio gehört der Verleih und die Vorortbetreuung mit Veranstaltungstechnikern, aber auch Festinstallationen. Schwerpunkt ist die Audio-Technik.

Und wer sind ihre Kunden?

Unser Kundenspektrum ist breit gefächert. Hauptsächlich betreuen wir kommerzielle Veranstaltungen in München, zum Beispiel im Kesselhaus und der Zenith-Halle. Beides sind große Eventlocations, die intensiv für Konzerte von international bekannten Künstlern genutzt werden, auch für Business-Veranstaltungen, zum Beispiel von BMW. Für Helene Fischer haben wir hier vor Kurzem die After-Show-Party produziert. Ein weiterer Kunde ist das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München, wo wir die gesamte Medientechnik bereitstellen. Außerdem sind wir seit neun Jahren für die Audiotechnik bei der Münchner Sicherheitskonferenz verantwortlich.

Die Münchner Sicherheitskonferenz stellt sicher ganz besondere Anforderungen?

Ja. Die Teilnehmer sind hochdekorierte Politiker, zeitlich eng limitiert und von Personenschützern bewacht. Mit solchen Leuten kann man vorab keinen Soundcheck machen oder irgendetwas ausprobieren. Sie kommen drei Minuten vor Beginn in den Bayerischen Hof. Dann werden sie mit Funktechnik verkabelt und es muss auf Anhieb funktionieren. Gleichzeitig ist die Sicherheits-konferenz eine Live-Sendung, die in BR-alpha und in über 140 Ländern übertragen wird. Der Konferenzbetrieb läuft in sechs verschiedenen Sprachen, die simultan übersetzt werden. Ein flüssiger Ablauf ist das A und O, dafür brauchen wir bestmögliche Sprachverständlichkeit. Aber die Frequenzdichte ist extrem hoch, damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Funkstörungen.

Wie viele drahtlose Strecken sind normalerweise im Einsatz?

Wir sind für die Audiotechnik im Saal verantwortlich. Hier planen wir 24 Funkstrecken für die Vortragenden und die Dolmetscher ein. Das klingt vielleicht nicht spektakulär, aber auch diese 24 Strecken sind schon sehr schwer unterzubringen. In unmittelbarer Nähe befindet sich nämlich das Pressezentrum. Dort sind regelmäßig mehrere hundert Journalisten mit ihrer Übertragungstechnik aktiv. Außerdem haben die meisten Konferenzteilnehmer – alles hochrangige Politiker oder Wirtschaftsvertreter – mindestens zwei Handys bei sich. Die senden zwar auf anderen Frequenzen als die drahtlose Audiotechnik. Aber in unmittelbarer Nähe zum Taschensender führt die elektromagnetische Strahlung trotzdem zu Störungen. Wir warnen regelmäßig davor und bitten darum, die Handys auszuschalten, was aber nicht alle befolgen. Auch der Bayerische Rundfunk belegt im Saal noch einige Drahtlosstrecken.

Nach den Frequenzauktionen der letzten Jahre (Digitale Dividende 1 und 2) wird das nutzbare Frequenzspektrum immer knapper. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Wir müssen so planen, dass es keine Kollisionen zwischen den einzelnen Mikrofonstrecken gibt. Wenn unser Frequenzfenster kleiner wird, wird das noch schwieriger und irgendwann vielleicht sogar unmöglich. Es gibt immer Unwägbarkeiten. So nutzen die Berichterstattungs-Teams aus dem Ausland nicht immer die in Deutschland üblichen Frequenzbereiche. Oder es schalten Journalisten einfach unangemeldet ihr Equipment ein. In solchen Situationen brauchen wir immer noch ein paar freie Frequenzen, in die wir kurzfristig ausweichen können. Es gibt dafür auch Technik, die automatisch und unterbrechungsfrei einen Frequenzwechsel durchführt. Aber das funktioniert nur, solange eben noch störungsfreie Kanäle vorhanden sind. Betriebssicherheit wird immer mehr zum Thema werden.

Blick ins Pressezentrum der Münchner Sicherheitskonferenz. Auf dem Bildschirm ist der russische Außenminister Sergej Lawrow zu sehen. Foto: MSC / Kuhlmann

Was bedeutet es für die Konferenz, wenn die Technik streikt?

Es kommt zu Unterbrechungen im Ablauf – und das gefährdet dann die Sachdiskussion und den gesamten Wert der Veranstaltung. Aus meiner Sicht ist die Sicherheitskonferenz äußerst wichtig, gerade in unserer Zeit. Verschiedene politische Lager kommen an einem neutralen Punkt zusammen und versuchen, gemeinsam einen Weg zu finden. Beispielsweise wurde 2015 das Atom-Abkommen zwischen USA und Iran auf der Münchner Sicherheitskonferenz angebahnt und eine Eskalation vermieden. So etwas gelingt aber nur, wenn eine flüssige Kommunikation stattfindet und die Dolmetscher und Teilnehmer alles sauber verstehen.

Warum arbeiten Sie nicht mit Kabelmikrofonen? Dann gäbe es keine Probleme mit Funkstörungen.

Wir können keine zwanzig Mikrofonleitungen quer über die Bühne legen, in denen sich die Politiker dann verheddern. Genauso wenig können die Teilnehmer nacheinander aufstehen und zu einem Podium mit Mikrofon gehen. Damit verliert man wahrscheinlich ein Drittel der Redezeit und die Veranstaltung bekommt einen vollkommen anderen Charakter. Technik soll nicht behindern und stören, sondern dienen und am besten unsichtbar sein. Wenn das gelingt, haben wir einen guten Job gemacht.

Mehrfach wurden in den letzten Jahren die Frequenzen, in denen Funkmikrofone senden dürfen, durch politische Entscheidungen geändert. Wie geht es Ihnen damit?

Das war schon eine bittere Erfahrung. 2012 sind wir nach der ersten Digitalen Dividende aus dem 800-MHz-Band verbannt und in den Frequenzbereich 710 – 790 MHz geschickt worden. Da unser bisheriges Equipment dort nicht funktioniert hat, mussten wir es beim Hersteller umfrequentieren lassen. Pro drahtlose Strecke werden dafür 1.000 Euro fällig, bei 20 Strecken also 20.000 Euro.

Was mich ganz besonders ärgert: Damals habe ich von der Bundesnetzagentur bis 2022 Frequenzen im neuen Band zugeteilt bekommen. Eigentlich dachten wir, wir haben für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre Ruhe. Aber schon zu dieser Zeit wurde die Digitale Dividende 2 vorbereitet und jetzt, nach nur fünf Jahren, muss ich auf halbem Wege noch einmal die Frequenzen wechseln. Das ist nicht in Ordnung! Wir leben immer noch in einem Rechtsstaat. Nur weil der Mobilfunk schreit: Wir brauchen mal wieder Frequenzen, kann man nicht einfach geltende Regelungen über den Haufen schmeißen. Die Bundesnetzagentur vermietet mir die Frequenzen länger, als sie zur Verfügung stehen. Das ist ein Witz. Wenn sie sie keine Planungssicherheit gibt, dann muss ich diese Institution als solche in Frage stellen.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie als Unternehmer daraus?

Als Unternehmer stelle ich mir die Frage: Wie lange hält der neue Frequenzbereich diesmal? Professionelle Anwender brauchen eine wirkliche Planungssicherheit, weil die Geräte teuer sind und es lange dauert, bis sie sich amortisiert haben. Wenn Sie sendetauglichen Ton abliefern wollen, dann kostet Sie ein Doppelempfänger gute 10.000 Euro, also 5.000 Euro pro Funkstrecke. Wir brauchen einen Planungshorizont von mindestens 15 bis 20 Jahren. Dazu müssen die Frequenzen in der Frequenzverordnung festgeschrieben werden. Eine einfache Verwaltungs-vorschrift der Bundesnetzagentur reicht nicht.

Wie finanzieren Sie die Umrüstungen? Können Sie Kosten auf Ihre Kunden umlegen?

Nein, auf keinen Fall. Die Kunden interessiert nicht, in welchem Spektrum wir senden. Sie setzen professionelle Mikrofone, sehr gute Sprachverständlichkeit und hohe Betriebssicherheit voraus. Ich bleibe komplett auf den Kosten sitzen. Das schmerzt sehr, weil andere Investitionen dafür zurückstehen müssen.

Haben Ihnen die Entschädigungszahlungen des Bundes etwas geholfen?

Nein, wir haben keinen Cent gesehen. Die Kriterien sind sehr restriktiv, besonders für private Unternehmer. Öffentlich getragene Einrichtungen haben vielleicht eher eine Chance. Diese so genannten Ausgleichszahlungen haben aus meiner Sicht eine reine Alibi-Funktion. Die Umstellungen sind komplett auf dem Rücken der Privatwirtschaft ausgetragen worden.

Von Ihrer Firma abgesehen – welche Auswirkungen sehen Sie auf die Branche?

Deutschland ist nach meiner Information eines der Länder mit der höchsten Dichte an Drahtlosstrecken weltweit. Jahrzehntelang hat die Welt auf Deutschland geschaut, wenn es um Rundfunktechnik ging. Bei dieser Frequenzdichte konnte man davon ausgehen: Wenn Frequenzmanagement in Deutschland funktioniert, dann wird es überall sonst auf der Welt auch funktionieren. Sollten wir uns jetzt verzetteln, dann geht auch der Glaube an die deutsche Technikkompetenz verloren.

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