Wacken Open Air – ein Mega-Festival

Wohin mit den Funkmikrofonen?

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Wacken 2016: Nach Angaben der Veranstalter waren 75.000 zahlende Besucher vor Ort, zudem etwa 9.500 weitere Teilnehmer wie Künstler, Techniker, Aufbauhelfer, Pressevertreter, VIPs, Rettungs- und Sicherheitskräfte sowie Behördenvertreter. Foto: Rolf Klatt / Quelle: http://www.wacken.com

Festivalbesuchern ist ein guter Mobilfunk-Empfang wichtig: Nur so lässt sich das Erlebte in Videos und Fotos über das Smartphone teilen und auf das Internet und soziale Medien zugreifen. Allerdings ist in Deutschland inzwischen so viel Funkspektrum für die Übertragung mobiler Daten reserviert, dass für Bühnenkünstler, die drahtlose Produktionsmittel wie z.B. Funkmikrofone nutzen, nicht mehr genug Frequenzen übrigbleiben. Gerade wegen der Musik und des Erlebnisses eines Festivals kommen aber die Besucher.

Besonders bei Großveranstaltungen macht sich der Mangel an Funkspektrum bemerkbar. Auch das Wacken Open Air W:O:A, das mittlerweile als das größte Heavy-Metal-Festival der Welt gilt, könnte dadurch ins Wackeln kommen.

Von null auf hundert

Wacken ist ein kleiner, verschlafener Ort in Schleswig-Holstein mit 1.832 Einwohnern. Eher kulturelles Ödland. Es gibt einen Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr und einen gemischten Chor. Aber am ersten August-Wochenende jedes Jahres wird es zum Mekka der Heavy-Metal-Fans. 85.000 Menschen kommen zum Wacken Open Air W:O:A. Für drei Tage muss dann die Infrastruktur einer mittleren Kleinstadt aufgebaut werden.

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Ausnahmezustand: Heavy-Metal-Fans bevölkern die Dorfstraßen in Wacken. Foto: Olaf Malzahn / Quelle: http://www.wacken.com

Die Organisation des Festivals ist eine Mammutaufgabe. Sie umfasst die Buchung der auftretenden Bands sowie die Zusammenstellung der Line-ups. Zur Planung gehört außerdem der Aufbau des Festivalgeländes, des Campingareals und der Verkehrswege, die Unterbringung und Verpflegung der Besucher sowie die Koordination der Sanitäter und der Sicherheitsdienste der Polizei. Das notwendige Material wird von mehr als 2.000 LKW transportiert. Für das Equipment der Bands sind zusätzlich 65 Sattelzüge notwendig.

W:O:A als Wirtschaftsmotor

Inzwischen ist das W:O:A ein Wirtschaftsmotor für die ganze Region. Das Festival beschert jährliche Einnahmen von mehr als 30 Millionen Euro. Seit vielen Jahren unterstützen die Veranstalter die Gemeinde. Unter anderem haben sie eine Million Euro zur Sanierung des Schwimmbads gestiftet und leisten regelmäßig Sachspenden für die Kinder- und Jugendarbeit, zum Beispiel für den örtlichen Kindergarten und die Schule. Den Wert von Wacken haben auch viele Unternehmen erkannt. So hat ein Netzbetreiber im Dorf ein Glasfasernetz installiert.

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Das Festivalgelände aus der Luft. Foto: Olaf Malzahn / Quelle: http://www.wacken.com

157 Bands auf acht Bühnen

Ist erst einmal alles aufgebaut, dann spielen an drei Tagen 157 Bands aus der ganzen Welt auf insgesamt acht Bühnen. Mit einem eigenen TV- und Radio-Channel im Internet, Fernsehübertragungen in etablierten TV-Sendern und mit der Aufzeichnung der Konzerte für eine spätere Video- und Tonauswertung wird das Konzert umfassend vermarktet. Nach Angaben der Veranstalter sind diese Vermarktungserlöse trotz Eintrittspreisen von 170 Euro unverzichtbar, um das Ereignis zu refinanzieren. Zur Aufzeichnung werden Systeme mit mehrfacher Ausfallsicherheit eingesetzt, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein.

Auf den Ton und die Show kommt es an

Für die Tonübertragung werden auf den Bühnen sowohl drahtlose als auch drahtgebundene Mikrofone verwendet. Alle Künstler nutzen zudem In-Ear-Systeme. Für die drahtlosen Produktionsmittel werden im Wesentlichen Frequenzen im UHF-Spektrum eingesetzt. Der Berufsverband für professionelle drahtlose Produktionstechnologie (APWPT, Association of Professional Wireless Production Technologies) hat 2015 umfangreiche Messungen zur Belegung des Frequenzspektrums durchgeführt.

Der Frequenzscan vor dem Festival zeigt, dass das Spektrum zwischen 470 und 862 MHz mit nur drei TV-Sendern und mit LTE im 800-MHz-Band belegt ist (Abbildung 1).

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Abbildung 1: Deutlich sind die drei in der Gemeinde Wacken aktiven TV-Kanäle zu sehen. Weitere größere Ausschläge im 800-MHz-Band zeigen an, dass dort der Mobilfunk mit LTE mobile Datennetze betreibt. Sonst ist das gesamte Frequenzspektrum so gut wie leer. In der Grafik sind die Frequenzen in Kilohertz (kHz) angegeben. 480.000 kHz entsprechen z.B. 480 MHz. Quelle/Grafik: APWPT

Dies ändert sich schlagartig, wenn das Festival beginnt. Dann ist das Spektrum so dicht gefüllt, dass keine Lücken mehr verbleiben. Jeder Nutzer muss sich streng an seine Frequenzen halten, um andere nicht zu stören. Das verlangt eine große Disziplin der Toningenieure. Jeder will verhindern, dass er gestört wird oder andere stört, um die Produktionen nicht zu gefährden.

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Abbildung 2: Während des Festivals ist das gesamte verfügbare Funkspektrum intensiv mit den Funksignalen der drahtlosen Produktionstechnik belegt. Quelle/Grafik: APWPT

Die Messungen des APWPT in der Abbildung 2 zeigen deutlich die Mobilfunkkanäle im 800-MHz-Band (Digitale Dividende 1), die 2015 in Wacken bereits vom Mobilfunk genutzt wurden. Vodafone baut z.B. extra eine mobile Basisstation, damit die Besucher des Festivals telefonieren und das Internet nutzen können.

Frequenzverlust bringt Wacken ins Wackeln

Bauen die Mobilfunkunternehmen in den nächsten Jahren ihre Netze auch im 700-MHz-Band aus (Digitale Dividende 2), geht für die Funkmikrofone und In-Ear-Systeme erhebliches Spektrum verloren (siehe dazu Abbildung 3). Im Moment weiß noch niemand, wie dieser Verlust kompensiert werden kann.

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Abbildung 3: Die Verluste im 700-MHz-Band durch die letzte Frequenzversteigerung (Digitale Dividende 2) sind gelb markiert. Bei der ersten Digitalen Dividende im Jahr 2010 wurde bereits der rechts davon liegende 800-MHz-Frequenzbereich größtenteils an den Mobilfunk versteigert. Wo drahtlose Produktionsmittel künftig stattdessen senden sollen, ist unklar. Quelle/Grafik: APWPT

Mit den beiden Digitalen Dividenden ist das für das terrestrische Fernsehen und die drahtlosen Produktionsmittel nutzbare UHF-Spektrum gegenüber dem vorherigen Zustand auf rund die Hälfte geschrumpft.

Gibt es dazu nicht bald verlässliche Ersatzfrequenzen, die in jedem Fall auch neues Equipment erfordern, ist mit Einschränkungen zu rechnen, weil wieder mehr mit kabelgebundener Ausrüstung gearbeitet werden muss. Der Aufbau der Bühnen und deren Verkabelung wird mehr Zeit in Anspruch nehmen, die Kosten für das Personal werden steigen. Die Umbauzeiten werden länger werden. Die Künstler werden ihre Show darauf abstimmen müssen.

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Mobile Standardstation zur LTE-Versorgung, fotografiert bei Düsseldorf.

Dabei gibt es bereits für viele Anwendungen Ersatzfrequenzen, die von der der EU Kommission identifiziert und den Mitgliedstaaten zur Umsetzung empfohlen wurden. Sie müssten nur in nationales Frequenzrecht umgesetzt werden. Das wäre sogar kurzfristig möglich, doch in Deutschland und den meisten anderen EU-Staaten handelt die Politik bislang nicht mit der gebotenen Eile und Durchsetzungskraft.

Auch Künstler sind die Leidtragenden

Künstler verdienen heute ihr Geld überwiegend mit Bühnenauftritten. Der Verkauf von CDs ist eingebrochen und die Erlöse aus Streamingdiensten sind kaum der Rede wert. Bei den Konzerten erwarten die Fans aber nicht einfach nur Musik, sondern auch immer aufwendigere Bühnenshows. Die Möglichkeiten der drahtlosen Produktionstechnik sind dafür unverzichtbar. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass sich die Künstler überall auf der Bühne und im Publikum bewegen können und dass die vielen Bühneneffekte ferngesteuert werden können.

Was wird aus den Musikfestivals in Deutschland?

Wacken mit den mobilen LTE-Basisstationen und dem nahezu unbegrenzten Zugang zum Internet einerseits und andererseits den dadurch verursachten Beschränkungen der Künstler und der Produktionen zeigen den Konflikt. Immer mehr Mobilfunk und deshalb immer weniger Frequenzen für drahtlose Produktionsmittel könnten das Ende des W:O:A in seiner heutigen Form sein. Dabei ist Wacken nur ein Einzelbeispiel. Überall in Deutschland sind große Musikfestivals in gleicher Form bedroht – und damit die Kultur- und Kreativwirtschaft eines ganzen Landes. Um diesen bedeutenden Wirtschaftszweig langfristig abzusichern, muss die Politik jetzt handeln und die Frequenzempfehlungen der EU umsetzen.

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