Wie geht es für drahtlose Produktionsmittel weiter?

Was 2016 wichtig ist

Produktion

TV-Produktion (Symbolbild): Was müssen Politiker und Nutzer 2016 auf dem Schirm haben?

2016 wird wieder ein wichtiges Jahr für die Anwender drahtloser Produktionsmittel (PMSE) und die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland werden. Politische Entscheider, Hersteller und Nutzer stehen vor großen Herausforderungen.

Zwar wurden 2015 vielfach bereits Weichen gestellt: In Deutschland wurden die „Digitale Dividende 2“ (700-MHz-Bereich) und Teile des L-Bandes (1.452 – 1.492 MHz) an den Mobilfunk versteigert. Das für drahtlose Produktionsmittel verfügbare Frequenzspektrum nahm damit noch einmal signifikant ab. Vorwiegend positiv nahm die PMSE-Community dagegen die Entscheidung der Weltfunkkonferenz (WRC-15) in Genf auf: Sie hatte beschlossen, dass über das noch verbleibende UHF-TV-Band 470 – 694 MHz erst im Jahr 2023 erneut beraten werden soll. Rundfunk und professionelle Drahtlosnutzer könnten somit bis ins Jahr 2026 von einer „Digitalen Dividende 3“ verschont bleiben.

Wer allerdings glaubt, das Frequenzthema sei damit für längere Zeit erledigt, täuscht sich. Hier ein Überblick über die drängenden Themen 2016.

Nach der WRC ist vor der WRC

Conference Preparatory Meeting Nov30

Delegierte beim ersten Conference Preparatory Meeting zur WRC 2019 am 30. November 2015. Foto: © ITU / A. Mhadhbi

Da die WRC-19 an die Beschlüsse der Vorgängerkonferenz nicht gebunden sein wird, darf sich die Politik in Deutschland nicht bis dahin ausruhen – die Verschiebung der „Digitalen Dividende 3“ bis 2026 ist keineswegs sicher. In den 2015 bereits angelaufenen Vorbereitungssitzungen zur WRC-19 und in den technischen Gremien muss Deutschland aktiv alle Versuche abwehren, die Beschlüsse der WRC-15 zu kippen. Dafür müssen bereits jetzt – im Laufe des Jahres 2016 – alternative Frequenzbereiche gefunden und zur Nutzung geprüft, ggf. bereits zugewiesen werden. Nur so lassen sich Engpässe und Einschränkungen bei professionellen drahtlosen Produktionen, besonders bei Großevents, verhindern.

Die WRC-15 hat bis 2019 vielfältige Untersuchungsaufträge im Zusammenhang mit dem Mobilfunk erteilt. Leider ist es bei der WRC-15 nicht gelungen, auch Studien zu neuen Frequenzbereichen für drahtlose Produktionsmittel durchzusetzen. Die APWPT[1] versucht nun in den verschiedenen Vorbereitungsgruppen gemeinsam mit dem Rundfunk, trotzdem solche Untersuchungen zu initiieren.

Bereitstellung von Spektrum muss auf die politische Agenda

In den kommenden Monaten beraten die Parteien ihre Wahlprogramme für die nächste Bundestagswahl im Herbst 2017. Die Initiative „SOS – Save Our Spectrum“ fordert alle Parteien auf: Nehmen Sie das Ziel, ausreichend geeignetes Spektrum für drahtlose Produktionsmittel bereitzustellen, in ihre Programme auf! Bekennen Sie sich damit zu einer auch künftig funktionsfähigen Kultur- und Kreativwirtschaft.

Alle PMSE-Nutzer sollten in den nächsten Monaten ihre Abgeordneten persönlich schildern, was passiert, wenn kaum noch Frequenzen verfügbar sind. Rufen Sie die Abgeordneten an und nutzen Sie jede Gelegenheit für ein persönliches Gespräch, um sie zu überzeugen, sich für ausreichend Frequenzen für drahtlose Produktionsmittel einzusetzen!

Entscheidung auf EU-Ebene

Pascal Lamy 9-1-2014

Pascal Lamy bei der Pressekonferenz zur Vorstellung seiner Vorschläge am 1. September 2014. Quelle: EU-Kommission

Auf europäischer Ebene steht eine Entscheidung der EU-Kommission über die Vorschläge der Lamy-Gruppe an[2]. Dies wird für Deutschland Auswirkungen haben, auch wenn das 700-MHz-Spektrum bereits versteigert ist: Denn es wird unter anderem um Ersatzspektrum für die Verluste bei den „Digitalen Dividenden 1 und 2“ gehen. Jedoch sollten sich die politisch Verantwortlichen auch hier bereits darauf einstellen, dass insbesondere der Mobilfunk Ansprüche auf mehr Frequenzspektrum geltend machen wird.

Bundesnetzagentur verzögert Räumung des 700-MHz-Bandes

Im Jahr 2016 steht die Umsetzung der Versteigerung des 700-MHz-Bandes („Digitale Dividende 2“) an. Damit die TV-Sender in den Bereich 470 – 694 MHz verlagert werden können, muss zunächst die Koordinierung der Frequenzen mit dem Ausland abgeschlossen sein. Obwohl die dafür verantwortliche Bundesnetzagentur dies bereits vor der Versteigerung für erledigt erklärt hat, ist noch lange kein erfolgreicher Abschluss in Sicht. Deshalb verschiebt sich die DVB-T2 Einführung und der Start des Mobilfunks im 700-MHz-Band auf das Jahr 2018 oder noch später. Realistisch muss man davon ausgehen, dass frühestens 2020 die Umstellung abgeschlossen sein wird.

Für die Nutzer drahtloser Produktionsmittel ist dies eine gute Nachricht, weil sie solange ihre Geräte im 700-MHz-Spektrum weiternutzen können. Um Störungen vorzubeugen, sollten sie jedoch aufmerksam die Entwicklung am Standort von geplanten Veranstaltungen beobachten. Wir werden regelmäßig über den Fortgang der Umstellung berichten.

Erstattungsverfahren läuft

Seit 1. Januar 2016 können Anträge auf Ausgleichzahlungen für drahtlose Produktionsmittel bei der Bundesanstalt für Verwaltungsdienstleistungen (BAV) gestellt werden. Es ist eine Besonderheit, dass die Geräte, für die eine Ausgleichszahlung gewährt wurde, trotzdem weiter genutzt werden können. Um die Mittel voll auszuschöpfen, sollten zumindest alle Eigentümer von Geräten im 700-MHz-Band ihren Antrag 2016 stellen. Eigentümer mit Geräten im Spektrum 470 – 694 MHz sollten ihre Anträge stellen, sobald sie von Störungen betroffen sind. Wir werden informieren, in welcher Form der Nachweis der Störungen erbracht werden muss.

TV-Sender-Datenbank im Aufbau

Früher oder später werden PMSE-Anwender den 700-MHz-Bereich verlassen und ihr Equipment umrüsten oder austauschen müssen. In erster Linie werden sie in das verbliebene UHF-TV-Band 470 – 694 MHz migrieren. Um dort freie und ungestörte Frequenzen für die Investition in neue Mikrofone zu identifizieren, reichen die Kanalbelegungspläne, die nach Abschluss der Auslandskoordinierung vorgelegt werden, jedoch nicht aus. Jeder TV-Sender strahlt nicht nur seine Programme aus, sondern auch Störstrahlungen, die weiter als die Programmsignale reichen. Dies stört den Einsatz von drahtlosen Produktionsmitteln.

In Zusammenarbeit mit der APWPT und anderen Verbänden plant die Initiative „SOS – Save Our Spectrum“, den PMSE-Nutzern eine vom Institut für Rundfunktechnik (IRT) entwickelte Datenbank zur Verfügung zu stellen. Sie soll schnelle und einfache Abfragen über die an den jeweiligen Standorten tatsächlich nutzbaren Frequenzen ermöglichen.

PMSE-Anwender müssen sich stärker organisieren

Die Auseinandersetzungen über die Digitalen Dividenden 1 und 2 haben gezeigt, dass der Mobilfunk national und international über eine gewaltige Lobby-Power verfügt. Der Mobilfunksektor besteht aus wenigen großen „Global Players“. Neben ihrer direkten politischen Arbeit haben sie sich zur Wahrung ihrer Interessen zusätzlich in einflussreichen Industrievereinigung wie Bitkom oder GSM Association (GSMA) zusammengeschlossen.

Die zahllosen Nutzer drahtloser Produktionsmittel sind dem gegenüber in vielen verschiedenen Verbänden organisiert, deren Hauptaufgaben jedoch nicht die Sicherung von Frequenzen ist. Zur Bündelung ihrer Interessen existieren die Initiative „SOS – Save Our Spectrum“ und der Berufsverband APWPT, die partnerschaftlich zusammenarbeiten. „SOS – Save Our Spectrum“ informiert Entscheider in Politik und Verwaltung sowie die gesamte Öffentlichkeit über die Bedeutung von drahtlosen Produktionsmitteln und deren Bedarf an geeignetem Spektrum. Der Berufsverband APWPT mit Fokus auf technische Fachfragen ist direkt in nationalen und internationalen Regulierungs- und Standardisierungsgremien vertreten und dort die Stimme von Anwendern und Herstellern.

Um dem Mobilfunk und Digitalisierungshype etwas entgegen zu setzen, müssen noch mehr Nutzer von drahtlosen Mikrofonen unsere Initiative und die APWPT unterstützen. Nähere Informationen dazu gibt es hier:

https://www.sos-save-our-spectrum.org/aktiv-werden/

http://www.apwpt.org/how-to-join-mitgliedschaft.html

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Fußnoten und externe Links:

[1] Association of Professional Wireless Production Technologies, Berufsverband für professionelle drahtlose Produktionstechnologie.

[2] Hintergrundinformation: Pressemitteilung der EU-Kommission mit den Vorschlägen der von Pascal Lamy geleiteten Hochrangigengruppe

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