Tontechniker Oli Rulfs im Interview

„Alles in Allem finde ich es ziemlich unübersichtlich, welche Frequenzen ich in welchem Land benutzen darf“

Als freiberuflicher Tontechniker ist Oli Rulfs weltweit im Einsatz. Seit rund 30 Jahren arbeitet er mit internationalen Künstlern aus unterschiedlichen Sparten zusammen. Bands wie Fury in the Slaughterhouse vertrauen bereits jahrelang auf seine weitreichenden Erfahrungen. Seit 2003 betreut er auch die erfolgreiche ABBA Gold – The Concert Show und ist mit der Band in verschiedenen europäischen Städten sowie Japan und Russland unterwegs. Das ist spannend, birgt aber auch besondere Herausforderungen: Die verfügbaren Frequenzen für den Einsatz der drahtlosen Produktionsmittel variieren nach Aufführungsort und -land, erfordern große Flexibilität und das jeweils passende Equipment.

Sie sind als freiberuflicher Tontechniker tätig. Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Ich bin seit 1987 selbständiger Tontechniker und habe in der Zeit natürlich für unzählige Künstler und Bands gearbeitet. Die hierzulande bekannteste dürfte Fury in the Slaughterhouse sein, für die ich seit 1993 als Monitormann arbeite und seit 2008 auch die Folgegruppen und Projekte der Brüder Wingenfelder betreue. Andere Bands waren z. B. die Jule Neigel Band, Jazzkantine, Such a Surge und ELOY sowie aus der internationalen Ecke Rory Gallagher, Rare Earth, SOS Band, Meat Loaf, Midnight Oil und Faith No More. Oft als Monitormann, manchmal als Systembetreuer. Seit 2011 bin ich technischer Leiter des Jazzahead Festivals in Bremen.

Sie betreuen seit 2003 auch eine ABBA Tribute Band?

Diese Band kannte man früher als ABBA Mania, jetzt ABBA Gold – The Concert Show. Bei dieser Produktion bin ich als Produktionsleiter und Mischer im Publikumsbereich tätig.

Tontechniker Oli Rulfs

Die ABBA Gold – The Concert Show ist eine der erfolgreichsten ABBA Tribute Shows in Europa.

Wir haben bis jetzt 1.500 Shows gespielt, von denen ich 1.000 selbst gemischt habe. Die Städte kann ich nicht zählen, da wir natürlich in den meisten im Laufe der Jahre immer wieder gespielt haben. Wir sind auf jeden Fall in ganz Europa unterwegs und waren auch schon in Japan und Moskau mit der Show.

Die Band besteht aus den 4 ABBA Darstellern Björn (GTR, Gesang) Agnetha und Frida (Gesang) und Benny (Piano / Keyboard, Gesang) und einer Begleitung aus Drums und Bass.

Wie viele drahtlose Produktionsmittel werden üblicherweise eingesetzt?

Die genaue Anzahl der drahtlosen Geräte variiert etwas, je nach Programm. Im Maximalfall haben wir 7 Mikros / Instrumenten Sender (4 x Voc, Bass, GTR, Akk Snare) und 6 In Ear Anlagen in Betrieb. An Reserve haben wir eine Vocal Anlage sowie ein Spare Beltpack für die In Ears dabei. Weitere Ausfälle müssten dann mit Kabeln kompensiert werden.

Wie viele Tontechniker sind erforderlich, damit die Show an einem Abend reibungslos abläuft?

Ich bin aktuell auf der Tour die meiste Zeit der einzige Tontechniker. Da aber die Show kontinuierlich wächst, werden wir nächstes Jahr wahrscheinlich zu zweit sein. Im Moment übernimmt ein Mann auf der Bühne sowohl den Job des Systemtechnikers Licht als auch den Trouble Shooter Ton. Aber meistens funktioniert alles ohne Ausfälle.

Mit wie viel technischem Equipment für den Ton ist man bei der Tournee unterwegs?

Wir fahren den größten Teil der Tour mit einem 18 Tonner Truck, haben etwa 7 Tonnen Equipment dabei, wovon etwa die Hälfte Ton und Backline sein dürfte. Da die Tour ja schon Ewigkeiten unterwegs ist, ist die Planung eher ein kontinuierlicher Prozess der Anpassung an die Gegebenheiten. Vor jedem Teil der Tour sehe ich mir die Venues an und entscheide dann, welches PA System für die meisten Häuser passen wird. Ob es z. B. geflogen werden kann oder ein gestelltes System besser passt. Alles vor dem PA (Instrumente, Mikros, Pult etc.) gehört sowieso der Produktion und wird dem jeweiligen Bedarf angepasst, der sich meistens aus den gespielten Liedern ergibt.

Wie lang dauert es, bis die Tontechnik vor einer Show stimmt?

Am Showtag selbst fangen wir normalerweise um 12:00 Uhr an, und je nach örtlichen Gegebenheiten sind wir mit allem zwischen 15:00 und 16:00 Uhr fertig. Der dann folgende Soundcheck ist eher eine Funktionskontrolle und dauert selten länger als 20 Minuten.

In welchen Frequenzbereichen werden die Mikrofone und In-Ear-Mikrofone eingesetzt? Da die Show an verschiedenen Orten aufgeführt wird, stellt sich die Frage, wie man rechtzeitig vorher feststellt, welche freien Kanäle an dem jeweiligen Ort nutzbar sind?

Wir haben im Moment ein Mikroset, welches relativ weit zwischen 700 und 860 MHz agieren kann, ein Mikroset im 1785 bis 1800 MHz-Bereich, ein In-Ear-Set im 600 MHz Band, ein In-Ear-Set im Mittenlücken / ISM Bereich. Die Instrumenten Sender liegen im 2,4 GHz Band.

Vor Ort ist es in Deutschland ein Try and Error, da die Zeit zum Scannen meistens fehlt. Irgendeine freie Frequenz findet sich schon noch, da wir ja nun nicht unglaublich viele davon benötigen.

Wie hat sich der Wegfall des 800 MHz Spektrums bei der Produktion ausgewirkt? Gibt es schon Auswirkungen durch die Veränderungen im 700 MHz Bereich? Wie bereiten Sie sich auf den Wegfall des 700 MHz Bandes vor?

Wir haben in Equipment investiert, das in den Bereichen 1785 bis 1800 MHz und im 600 MHz-Band arbeitet. Die anderen Systeme kommen meistens nur noch im Ausland zum Einsatz, da es ja mit der Europäischen Harmonisierung nicht so ganz geklappt hat, und z. B. in Belgien der Bereich 1785 bis 1800 MHz nicht erlaubt ist. Alles in Allem finde ich es ziemlich unübersichtlich, welche Frequenzen ich in welchem Land benutzen darf. Und eigentlich müssten wir, um auf der sicheren Seite zu sein, immer alle Anlagen dabeihaben.

 

Anmerkung der Redaktion:

Update (Stand 5.6.2018): Inzwischen hat Belgien den Bereich 1785 – 1805 MHz geöffnet „20 mW e.i.r.p. for hand-held and 50 mW e.i.r.p. for body-worn“ (e.i.r.p.: equivalent isotropically radiated power = äquivalente isotrope Strahlungsleistung).

Nähere Informationen dazu finden Sie hier: Frequenzübersicht des APWPT (Seite 5)

 

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