SOS informierte Abgeordnete des Bundestags

Auf der größten Bühne der Welt: Kulturfrequenzen, 5G und Funkmikrofone

Einmal auf der größten Bühne der Welt stehen – diesen Traum konnten Abgeordnete verschiedener Fraktionen jüngst im Berliner Friedrichstadt-Palast wahr werden lassen. Auf Einladung der Initiative „SOS – Save Our Spectrum“ besuchten sie an einem spielfreien Tag das traditionsreiche Theater an der Friedrichstraße. Grund der Einladung: Befürchtungen vieler Toningenieure, dass die Frequenzen für drahtlose Produktionsmittel wie Funkmikrofone noch knapper werden. Dafür gibt es erste Anzeichen. Die Folge wäre, dass manche Produktionen in Berlin und anderswo nicht mehr aufgeführt werden könnten. Für die Kultur- und Kreativwirtschaft, Deutschlands zweitwichtigsten Wirtschaftszweig, wäre das eine Katastrophe. „Die Politik muss jetzt gegensteuern und Kulturfrequenzen sichern“, forderte Jochen Zenthöfer, Sprecher der Initiative „SOS – Save Our Spectrum“, der durch die Veranstaltung führte. Im Geschäftsjahr 2017 hatte der Friedrichstadt-Palast Berlin mit 25,3 Millionen Euro Ticketumsatz und über eine halbe Million Gästen das zweitbeste Ergebnis seiner 98-jährigen Geschichte erwirtschaftet. Im 1. Quartal 2019 ist nun eine ausgezeichnete Auslastung von 94,5 Prozent (1.796 Gäste pro Vorstellung) zu verzeichnen. Das sind mehr Gäste im Saal als die meisten Berliner Bühnen Sitzplätze haben.

Kreative Performance bereits eingeschränkt

Der Friedrichstadt-Palast kann aufgrund des Spektrummangels nur 68 Funkstrecken nutzen. (Hinzukommen weitere Funkstrecken für den Sicherheitsbereich.) Mit 68 Funkstrecken sind eine ganze Reihe von fantastischen Veranstaltungen möglich – allerdings kommt das Revuetheater damit auch an die Grenzen seiner Machbarkeit. Gerne würde man mehr Funkstrecken nutzen können, um die Choreographien noch ausgefeilter und die Darbietungen noch außergewöhnlicher zu machen, erklärten die Toningenieure des Theaters den anwesenden Politikern. Eine weitere Streichung von Frequenzen hätte dramatische Auswirkungen auf die künstlerischen Möglichkeiten. Eher müsste man der Kultur zusätzliche Frequenzen zugestehen. In Deutschland profitieren 1,5 Millionen drahtlose Produktionsmittel von den Kulturfrequenzen – vom Musiker mit Funkmikrofon bis hin zur Schauspielerin mit In-Ear-System im Ohr. Benötigt werden zudem europäisch harmonisierte Frequenzen, damit die Künstler bei Tourneen nicht unterschiedliche Geräte für verschiedene Länder mitnehmen müssen.

Frequenzverknappung schreitet fort

In den letzten Jahren sind bereits viele Kulturfrequenzen verloren gegangen – auch für den Friedrichstadt-Palast. „Im Jahre 2010 wurde das 800 MHz Band an den Mobilfunk für LTE versteigert. In der Folge mussten der Rundfunk und auch die drahtlosen Produktionsmittel dieses Band räumen. Im Jahr 2015 wurde das 700 MHz Band an den Mobilfunk versteigert und musste ebenfalls geräumt werden. Wir haben damit knapp 200 MHz an Spektrum für drahtlose Produktionen verloren“, berichtete Norbert Hilbich vom SOS-Partnerverband APWPT (Association of Professional Wireless Production Technologies e. V.): „Den Nutzerinnen und Nutzern bleibt nun der Bereich 470 bis 694 MHz, den sie sich mit dem Rundfunk teilen.“ In diesem Bereich gebe es für mittlere und große Produktionen nicht ausreichend Frequenzen und zunehmend werde die künstlerische Freiheit eingeschränkt. Ende dieses Jahres findet die Weltfunkkonferenz (WRC-19) statt, die über die künftige Nutzung des Spektrums entscheiden wird. Die Nutzer drahtloser Produktionsmittel treibt die Sorge, dass weiteres Spektrum verloren geht.

5G Standard kein Allheilmittel

Denn der neue Standard 5G, von dem nun alle sprechen, ist keine Lösung für drahtlose Produktionsmittel. „Vom Mobilfunk wird 5G als das Allheilmittel gepriesen. Wir haben in einem Forschungsprojekt prüfen lassen, was es damit auf sich hat. Dieses Forschungsprojekt wurde gefördert vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur“, erklärte María Pérez vom Unternehmen Sennheiser: „Das Ergebnis ist ernüchternd: 5G kann derzeit nicht für drahtlose Mikrofone eingesetzt werden, da es weit hinter den gesteckten Erwartungen zurück liegt. Das bedeutet, dass die drahtlosen Produktionsmittel auf lange Sicht noch eigenes Frequenzspektrum benötigen, um die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen.“ Deshalb setzt sich auch der Deutsche Bühnenverein dafür ein, das ausreichend geeignete Frequenzen für Funkmikrofone zur Verfügung stehen. Der Geschäftsführende Direktor des Bühnenvereines, Marc Grandmontagne, wurde im Friedrichstadt-Palast mittels Video zugeschaltet und rief die anwesenden Politiker dazu auf, sich für die Sicherung der Kulturfrequenzen einzusetzen: „Warten Sie nicht, bis es zu spät ist, und die Kulturwirtschaft Schaden erleidet, sondern engagieren Sie sich jetzt für den Fortbestand und das Wachstum der Kultur, die als soziales Schmiermittel unsere Gesellschaft unterhält, begeistert und geistig stimuliert.“

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