Professor Torsten J. Gerpott zur Frequenzsituation in Deutschland

„Bis 2030 braucht der Mobilfunk keine Frequenzen im 600 MHz-Band“

Der Ökonom Torsten J. Gerpott ist Spezialist für Fragen der Telekommunikationswirtschaft. Er leitet den Lehrstuhl für Unternehmens- und Technologieplanung an der Universität Duisburg-Essen. Jüngst erregte er Aufsehen mit einer Äußerung in der F.A.Z. zum Ausgang der Versteigerung der für 5G geeigneten Frequenzbänder. Gerpott bewertete die klagende Reaktion der teilnehmenden Mobilfunkanbieter über die Versteigerungskosten wie folgt: „Das aktuelle Wehklagen sollte man eher als Verhalten zur Beeinflussung künftiger Regulierungsentscheidungen einstufen. In den kommenden zwanzig Jahren, der Laufzeit der jetzt ersteigerten Lizenzen, werden auf dem deutschen Mobilfunkmarkt kumulierte Umsätze von mehr als 500 Milliarden Euro erzielt. Daran gemessen sind knapp 6,6 Milliarden Euro Auktionskosten nicht entscheidend.“

Foto: ©Prof. Torsten J. Gerpott

Es gibt viele Funklöcher in Deutschland. Braucht der Mobilfunk das 600 MHz-Band um die Versorgung sicherzustellen?

Kurzfristig: Nein. Damit meine ich die nächsten 10 bis 12 Jahre. Der Mobilfunk sollte zunächst, anders als bislang geschehen, in den 700 und 800 MHz-Bändern die bereits vergebenen Kapazitäten komplett nutzen. Dafür müssen noch viele Basisstationen umgerüstet sowie neue Standorte ausgewählt, ausgebaut, mit Glasfaser und Strom versorgt werden. Der Druck für diesen Ausbau war in der Vergangenheit nicht allzu hoch, weil man vor allem im ländlichen Raum auch mit anderen Frequenzbändern arbeiten konnte.

EU und Bundesregierung haben dem terrestrischen Rundfunk und der Kreativ- und Kulturwirtschaft das 600 MHz-Band bis zum Jahr 2030 zur Nutzung versprochen…

…und ich sehe keine Notwendigkeit, diese alten Zusagen über den Haufen zu werfen. Die Versprechungen können und müssen eingehalten werden. Was nach dem Jahr 2030 sein wird, kann man allerdings jetzt noch nicht sagen.

Wieso gibt es eigentlich so viele Funklöcher?

Die Mobilfunknetzbetreiber sind nicht dem Gemeinwohl verpflichtet, sondern privatwirtschaftlich tätige Unternehmen. Bei Netzausbauentscheidungen orientieren sie sich nicht nur an Flächendeckungs-, sondern auch an Profitabilitätsaspekten. In ländlichen Räumen rechnet sich eine Versorgung oft nicht. Der Verzicht auf die Schließung sämtlicher Funklöcher ist demnach ökonomisch gesehen ein rationales Verhalten.

Wie kann dann die Politik etwas tun gegen Funklöcher?

Es gibt zwei Ideen, die derzeit diskutiert werden:

Die erste Idee ist, dass der Bund eine Infrastrukturgesellschaft gründet. Diese Gesellschaft erschließt Standorte, die private Betreiber bislang aus Kostengründen links liegen lassen. Für die Nutzung der so erschlossenen Standorte zahlen die Mobilfunkbetreiber Geld.

Die zweite Idee ist, dass es die Mobilfunkbetreiber selber machen. Dafür wird eine „negative Auktion“ veranstaltet. Das heißt: Schließt ein Betreiber ein Funkloch, bekommt er dafür möglichst wenig Geld vom Bund. Die anderen Betreiber dürfen dort die Infrastruktur des Wettbewerbers mit nutzen, also ein nationales Roaming durchführen.

Ich favorisiere die zweite Lösung. Sie ist schneller und effizienter. Eine neue Staatsgesellschaft zu gründen, kostet viel Zeit. Dafür müssen Haushaltsmittel bereitgestellt werden, es sind Geschäftsführer zu bestellen, Personal muss rekrutiert werden. All das dauert länger als es bei der zweiten Idee zu erwarten ist.

Anderes Thema: Was halten Sie von den Industriefrequenzen 3,7-3,8 GHz? Ist das sinnvoll, wenn die Industrie eigene Frequenzen zur Verfügung hat?

Ja, das ist sehr sinnvoll. Denn die ersten 5G-Anwendungen werden im B2B-Bereich stattfinden, also Business-to-Business. Dafür braucht die Industrie Frequenzen. Zudem beleben auch diese Industriefrequenzen den Wettbewerb. Nun gibt es für lokale 5G-Anwendungen nicht mehr nur das enge Oligopol der etablierten Netzbetreiber.

Der Bitkom sagt, dass die Industrie die Frequenzen gar nicht braucht.

Der Bitkom ist eine Lobbyorganisation, die unter anderem Interessen der Netzbetreiber vertritt. Natürlich ist man dort über mehr Wettbewerb durch Dritte und über höhere Auktionsaufwendungen der Mobilfunker infolge der Frequenzverknappung nicht begeistert. Ohne die Herauslösung der Frequenzen im Bereich 3,7-3,8 GHz aus der Versteigerung wäre jedoch der zukünftige Wettbewerbsdruck geringer, und der Staat hätte aus der aktuellen Auktion weniger Mittel eingenommen, die ihm zur gezielten Subventionierung des Ausbaus von Telekommunikationsnetzen zur Verfügung stehen.

Wie düster ist die wirtschaftliche Perspektive des Mobilfunks und der Netzbetreiber angesichts des neuen Wettbewerbs?

Wir müssen nicht beginnen, mit der Sammelbüchse rumzulaufen. Die Profitabilität im deutschen Mobilfunkmarkt ist auskömmlich und das wird auch so bleiben. Für Panikstimmung gibt es keinen Anlass.

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