Thomas Pigor im Interview über seinen Wut-Song

„Das müsste eigentlich die Kulturministerin Grütters angehen“

Thomas Pigor auf der Bühne. Foto: grammatix.de

Kabarettist Thomas Pigor tourt momentan mit „Volumen 8“ seines Erfolgsprogramms „Pigor singt – Benedikt Eichhorn muss begleiten“ durch Deutschland. Mehrere Preise hat er im Duo mit dem Pianisten schon eingeheimst, unter anderem den Deutschen Kabarettpreis und erst kürzlich den Bayerischen Kabarettpreis 2015. Es läuft also gut. Doch was Thomas Pigor nervt, ist die aktuelle Frequenzauktion der Bundesnetzagentur. Denn nach der Versteigerung der „Digitalen Dividende 2“ im Juni dieses Jahres wird er gemeinsam mit vielen Tausend Funkmikrofonnutzern in Deutschland sein bisher funktionsfähiges Equipment verschrotten oder teuer umrüsten müssen – weitgehend auf eigene Kosten. Und das nur vier Jahre nach der letzten Auktion! Sein Wutausbruch im „Chanson des Monats Juli“ wurde bei YouTube bereits über 3.000 Mal aufgerufen. Im Interview mit „SOS – Save Our Spectrum“ spricht Thomas Pigor über seinen Ärger auf Politik und Bundesnetzagentur, die Entstehung des Songs und die negativen Auswirkungen der Frequenzauktion auf die Kultur- und Kreativszene in Deutschland.

 

Herr Pigor, Sie sind wahrscheinlich der erste Künstler, der seine Wut über die Benachteiligung der Funkmikrofon-Nutzer gegenüber dem Mobilfunk in einen Song packt und so das Publikum mit dem Thema konfrontiert. Wie kam es zu dem Song?

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Erfolgreiche Hassliebe: Thomas Pigor (links) mit dem Pianisten Benedikt Eichhorn. Foto: Thomas Nitz

Ich schreibe die Serie „Chanson des Monats“ für den SWR, den WDR und den Deutschlandfunk. Da produziere ich jeden Monat einen Song zu einem aktuellen Thema. Im Juni haben die Nachrichten über die Versteigerung der Frequenzen berichtet, und wir aus dem Veranstaltungsbereich wissen: Das hat die Konsequenz, dass wir schon wieder neue Mikrofone kaufen müssen. Das Schöne am Chanson des Monats ist, dass man dann auch für so ein spezielles Thema ein Forum hat – mit eigener Betroffenheit, eigener Wut (lacht).

Auf den ersten Blick ein spezielles Thema für Künstler und Techniker, das letztendlich aber auch die Zuschauer und damit die gesamte Öffentlichkeit betrifft. Haben Sie den Song schon vor Publikum gespielt?

Momentan ist gerade Sommerpause, deswegen habe ich den Song leider noch nicht vor Publikum spielen können. Ich habe ihn aber in meinem persönlichen Umfeld gespielt, wo auch viele Nicht-Künstler und Nicht-Mikrofonnutzer dabei sind.

Und wie reagieren die Leute, wenn sie zum ersten Mal von der Problematik erfahren?

Die sagen: Hm, schöne Mundharmonika, aber eben doch ein ziemliches Spezialthema. Wenn man dann einsteigt und mal ein paar Fachbegriffe fallen lässt, dann müssen die sofort nachfragen, um alles nachzuvollziehen.

Das Bewusstsein für die eigene Betroffenheit ist bei den Konsumenten also momentan noch gering und der Erklärungsbedarf hoch. Wie sieht es mit den Künstlern und Technikern aus Ihrem Bekanntenkreis aus, regen die sich über die Frequenzauktion auf?

Ja, es regen sich alle auf. Es ist ja wirklich eine Unverschämtheit, dass jetzt nach nur vier Jahren schon wieder die Technik gewechselt werden soll. Einmal Digitale Dividende, ok, aber dann nach vier Jahren schon wieder – das kann man nicht nachvollziehen. Ich habe sehr viel Resonanz bekommen von Veranstaltungstechnikern. Ich bin ja die ganze Zeit auf Tour und kenne viele. Und die haben mein Chanson fleißig weitergereicht bei Facebook. Ihren Kommentaren ist zu entnehmen, dass gerade alle ziemlich sauer sind.

Wie wird sich die Frequenzauktion auf die Kultur- und Kreativszene in Deutschland insgesamt auswirken – was denken Sie?

Für uns kleine Anwender ist es nur nervig und teuer, wenn wir uns neue Anlagen kaufen müssen. Die großen Produktionen hingegen, also Musicals, Theater, Konzertbühnen – wenn sich da nichts ändert, sind die in Zukunft richtig eingeschränkt. Wenn dort allerdings immer öfter aus Frequenzknappheit Störungen auftreten, wird es vielleicht endlich auch die Öffentlichkeit interessieren. Wenn wir Glück haben! Auch wenn der Umstieg auf DVB-T2 kommt und die Leute selbst ihre Receiver entsorgen müssen, dann werden sie vielleicht auch auf unser Thema aufmerksam.

Welche Lösungen erwarten Sie von Bundespolitik und Bundesnetzagentur?

Die technischen Details, wie man das Spektrum aufteilt, was der Mobilfunk tatsächlich braucht und was nur Geschäftspolitik ist, kann ich nicht beurteilen. Aber es darf doch nicht sein, dass man bei der Aufteilung des Spektrums einseitig die kommerziellen Interessen von großen Unternehmen berücksichtigt, und die Belange der Kultur dahinter zurücktreten müssen. Kulturelle Aktivitäten sind im Allgemeininteresse und brauchen ihren Platz im Frequenzspektrum. Das müsste eigentlich die Kulturministerin [Monika] Grütters angehen.

Zu Ihrer eigenen Betroffenheit: Was für eine Funkmikrofonanlage haben Sie, wie groß ist der Verlust?

Ich habe ein mittelgutes Kondensatormikrofon, so im 700- bis 800-Euro-Bereich. Manchmal, wenn man z.B. fürs Radio spielt, dann hat man auch ganz teure Mikrofone in der Hand, die 4000 – 5000-Euro kosten. Ein Traum. Ich habe auch schon mit dem Gedanken gespielt, mir so etwas zuzulegen, denn wir spielen ja an die 100 Auftritte im Jahr. Zum Glück habe ich es nicht gemacht (lacht), das müsste ich jetzt wieder austauschen. Es ist auch unpraktisch auf Tour. Auf so ein edles Teil müsste man die ganze Zeit aufpassen, im Zug mit in den Speisewagen nehmen und so weiter.

Warum nutzen Sie ein Funkmikrofon und keines mit Kabel?

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Thomas Pigor expressiv – mit Funkmikrofon. Foto: grammatix.de

Ich brauche Bewegungsfreiheit auf der Bühne: Ich gestikuliere viel, renne schreiend hin und her, drehe mich. Am liebsten wäre mir, ich hätte gar nichts in der Hand. Eine Alternative wären Headphones – aber das sieht nicht nach Sänger aus, sondern nach Comedy und vor allem: Man ist abhängiger vom Tontechniker. Ich habe eine starke Dynamik, manchmal sehr laut und manchmal sehr leise. Mit dem Handmikrofon kann ich selber den Abstand variieren, mit dem Nahbesprechungseffekt arbeiten oder bei stark ausbrechenden P-Lauten das Mikrofon so kippen, dass es nicht ploppt. Ich habe das lieber selber in der Hand.

Wie wichtig ist das Mikrofon für Ihre Auftritte?

Für mich ist ein Mikrofon wie ein Musikinstrument. Naja, sagen wir: Wie der Bogen beim Geiger (lacht). Die Handhabung ist eine technische Fähigkeit und gehört zum Auftritt mit dazu.

Hatten Sie selbst während ihres Programms schon einmal eine Tonstörung?

Wir haben immer wieder Tonstörungen und wenn wir Glück haben, entdecken wir sie beim Soundcheck. Dann wechseln wir einfach die Frequenz. Im Programm gab es auch schon mal diese nervigen Handystörungen, aber eine so große Störung, dass man das Konzert abbrechen musste, hatten wir noch nicht. Unter Technikern sind aber jede Menge Störgeräusch-Anekdoten im Umlauf. Zum Beispiel, dass sie den Werkschutz auf dem Gitarrenverstärker hatten: „Rudi, an Tor 3 ist alles ruhig“ oder so ähnlich.

Aber die kleinen Störungen haben Ihnen ein Gefühl dafür gegeben, wie bedrohlich es für die Show ist, wenn die Funkmikrofone nicht mehr funktionieren?

Auf jeden Fall. So etwas kann eine Show killen, wenn man es nicht in den Griff bekommt. Und nicht nur an den Momenten im Programm, wo man mit Stille arbeitet. Es irritiert die Zuschauer und die Darstellenden, die nur noch eines denken: „Hoffentlich ist bald Pause, damit wir die Frequenz wechseln können.“ Für den Notfall haben wir auch immer ein Kabelmikro hinter der Bühne liegen.

Eine letzte Frage: Kannten Sie die Initiative „SOS – Save Our Spectrum“, bevor Sie Ihren Song geschrieben haben?

Leider nicht, ich habe sie erst durch Ihre Interviewanfrage kennengelernt. Es wundert mich, dass Sie nicht noch mehr Künstler unter Ihren Unterstützern haben. Wir sind ja alle betroffen. Darunter auch Leute, die in der Öffentlichkeit noch viel präsenter sind als ich.

Herr Pigor, wir danken Ihnen für das Interview.

Gerne, es freut mich, wenn ich die Initiative „SOS – Save Our Spectrum“ unterstützen kann.

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Externe Links

Website des Kabarettisten Thomas Pigor: http://www.pigor.de/

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