Funkbeauftragter des Bayerischen Rundfunks berichtet aus der Praxis

„Großveranstaltungen werden definitiv ein Problem“

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Fans beim Ski-Weltcup in Garmisch-Partenkirchen im März 2015. Foto: OK FIS Ski-Weltcup

Alle, die drahtlose Produktionsmittel wie zum Beispiel Funkmikrofone einsetzen, müssen sich nach der „Digitalen Dividende 2“ auf starke Einschränkungen gefasst machen. Sei es auf der Bühne oder für die Berichterstattung in Funk und Fernsehen: Immer weniger nutzbare Funkkanäle stehen einem riesigen Bedarf an drahtlosen Strecken, besonders für die Produktion von Großevents, gegenüber. Wir haben mit Peter Hindelang, Funkbeauftragter des Bayerischen Rundfunks (BR) in der Hauptabteilung IT und Medientechnik, gesprochen. Er plant regelmäßig die elektronische Vorort-Berichterstattung, wie Ad-hoc-Einsätze kleiner Kamera- und Hörfunkteams und ist an internationalen Ereignissen wie dem G7-Gipfel 2015, der Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen oder dem Papst-Besuch 2011 beteiligt. Sein Resümee: Der Planungsaufwand, um die gesamte drahtlose Technik im knapper werdenden Frequenzspektrum unterzubringen, steigt immer mehr. Bald wird es nicht mehr für alle reichen, die Rundfunk- und Reportagefreiheit könnte in Gefahr geraten. Gleichzeitig zieht sich die Bundesnetzagentur immer mehr aus der Regulierung zurück und lässt die Journalisten im Regen stehen.

 

Herr Hindelang, laut Bundesnetzagentur bleibt auch nach der „Digitalen Dividende 2“ genug Funkspektrum für professionelle drahtlose Produktionen (PMSE): In Summe 440 MHz. Was sagen Sie dazu?

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Peter Hindelang, Funkbeauftragter des Bayerischen Rundfunks.

Auf dem Papier mag der Frequenzbereich noch groß sein: Die BNetzA redet noch von 35-MHz-Mikrofonen, von VHF-Mikrofonen. Aber das ist veraltete störanfällige Technik, die schon lange in der Praxis nicht mehr genutzt wird. Zum Beispiel der 35-MHz-Bereich: Da gibt es gar keine Hersteller mehr, die dafür noch Equipment produzieren. Man hätte eine ca. zwei Meter lange „Schlepp-Antenne“, was eigentlich einem kabelgebundenen Mikrofon gleichkommt. Das ist alles nur Augenwischerei. Im Endeffekt konzentriert sich die professionelle PMSE-Nutzung auf das UHF-TV-Band zwischen Kanal 21 und 49 (470 –
694 MHz). Der Rest, der dort nicht von DVB-T-Sendern belegt ist, ist für Drahtlosmikros nutzbar.

Was bedeuten die wiederholten Frequenzversteigerungen für Ihre Arbeit und die der Rundfunkjournalisten beim BR?

Es wird immer schwieriger, das lässt sich als klarer Trend erkennen. Je enger das Spektrum wird, desto mehr technisches Verständnis und Ausrüstung sind nötig. Aber Nutzer von drahtlosen Mikrofonen, beispielsweise Journalisten, sind normalerweise keine Techniker. Sie merken nur, dass ihre Ausrüstung nicht funktioniert, wissen aber nicht wieso. Das Wissen eines Hochfrequenztechnikers kann man von ihnen aber auch nicht erwarten – Handynutzer müssen ja auch nicht wissen, wie die Mobilfunkübertragung funktioniert. Das freizügige „aus der Tasche nehmen und einfach anschalten“ wird leider immer mehr zum Lotteriespiel werden und auch Teams von der Berichterstattung ausschließen.

Sehen Sie es als Einschränkung der Presse- oder Rundfunkfreiheit, wenn nicht mehr für alle Teams genug Spektrum zur Verfügung steht?

Ja, ich persönlich schon. Wobei ich in diesem Zusammenhang von freizügiger drahtloser Berichterstattung sprechen würde. Man muss sich vor Augen halten: Nicht nur das 700-MHz-Band fällt nach der „Digitalen Dividende 2“ weg, sondern auch im darunter liegenden Band 470 – 694 MHz wird der Platz durch die Umstellung auf DVB-T2 knapper. Das ist eine zusätzliche Einschränkung, das Problem potenziert sich also. Dann wird weiter diskutiert, dass im UHF-TV-Frequenzbereich White Space Devices[1] eingesetzt werden sollen. Der Mobilfunk verfolgt dieses Ziel, im Prinzip will man irgendwann einmal das ganze Band haben. Wenn wir dahin kommen, dann ist die Reportagefreiheit der Rundfunkjournalisten technisch nicht mehr umsetzbar. Eine Koexistenz mit Drahtlosmikrofonen wird nicht funktionieren.

Sehen Sie auch schon bei kleineren Reportage-Einsätzen in naher Zukunft ein Problem der Frequenzknappheit?

Nein, ich glaube, kleinere Ad-hoc-Einsätze werden nach wie vor funktionieren. Aber Großveranstaltungen werden definitiv ein Problem. Beispielsweise der Eurovision Song Contest: Da wurde meines Wissens nach schon 2012 in Düsseldorf mit Timeslots gearbeitet. Bestimmte Mikros durften nur zu bestimmten Zeitpunkten eingeschaltet werden. Jeder musste sich penibel daran halten, weil für den gleichzeitigen Einsatz nicht mehr genug Spektrum vorhanden war und sonst Störungen aufgetreten wären. 2012 wohl gemerkt – das war noch vor der Umsetzung der „Digitalen Dividende 2“.

Ein internationales Großereignis war auch der G7-Gipfel in Elmau im Juni 2015. Waren die Planungen sehr aufwändig?

Ja, es war ein sehr hoher Aufwand – personell und technisch. Die technische Planung ging schon ein Jahr im Vorfeld los. Der BR allein hat rund 100 technische Mitarbeiter für die TV-Übertragung eingesetzt, insgesamt waren ungefähr 5.000 Journalisten aus aller Welt vor Ort. Besondere Herausforderung: Beim G7-Gipfel wird vieles geheim gehalten. Die technischen Planer bekommen vorab nicht alle Infos wie bei einem normalen Event. Man darf die Frequenzpläne vielleicht bei der Akkreditierung kurz sehen, aber man darf sie nicht fotografieren und bekommt nichts schriftlich. Man bekommt auch nur kurzfristig Bescheid, was genau wann passiert. Das ist der Unterschied zum Beispiel zu einem Fußballspiel oder einer Ski-WM, wo die Abläufe in einem „Fahrplan“ minutiös schriftlich fixiert sind.

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„Familienfoto“ der Staats- und Regierungschefs beim G7-Gipfel 2015 auf Schloss Elmau in Bayern. Von links nach rechts: Tusk (EU-Ratspräsident), Abe (Japan), Harper (Kanada), Obama (USA), Merkel (Deutschland), Hollande (Frankreich), Cameron (Großbritannien), Renzi (Italien) und Juncker (EU-Kommission). Quelle: Bundesregierung/Gottschalk

Konnten Sie beim G7-Gipfel problemlos berichten, gab es genug freies Frequenzspektrum?

Der G7-Gipfel hebt sich stark ab von anderen Events. Sicherheit für die Staatsoberhäupter hat oberste Priorität, die Berichterstatter haben sich dem unterzuordnen.

Wie hat der BR die Berichterstattung unter diesen Bedingungen gewährleistet?

Wir haben aufs Kabel zurückgegriffen. Beispielsweise bei unserem Übertragungswagen direkt am Schloss Elmau mit 22 Kameras, auch bei den Mikrofonen. Hier haben wir vom G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm gelernt, wo aufgrund der Störsender zeitweise sogar Richtfunkstrecken außer Gefecht gesetzt waren. Weitere Besonderheit: Die Kameras durften nicht die ganze Zeit über installiert bleiben. Zwischendurch musste abgebaut werden, damit sie auch ja keine vertraulichen Gespräche zwischen den Regierungschefs einfangen, auch nicht versehentlich. Das hat den Aufwand natürlich deutlich erhöht. Die 22 Kameras waren am und im Schloss installiert. Das Schloss selbst durfte kein Reporter betreten, es gab bloß Reportagepositionen in 150 Meter „Sicherheitsabstand“.

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Kameraposition direkt am Schloss Elmau. Foto: BR

Wenn Sie bei einem Event wie dem G7-Gipfel ohnehin mit Kabeln arbeiten: Brauchen Sie die drahtlose Technik überhaupt?

Auch beim G7-Gipfel waren insgesamt 284 Funkstrecken, davon immerhin noch 120 drahtlose Mikrofone und In-Ear-Strecken koordiniert – ohne BOS[2]. Mit Kabel ist man nämlich sehr eingeschränkt und kann beispielsweise nicht reagieren, wenn etwas abseits geschieht oder eine Person auftaucht, mit der man schnell ein Interview führen möchte. In Menschenmassen ist es außerdem nahezu ausgeschlossen, mit der „Stolperfalle“ Kabel zu arbeiten. Zum Beispiel bei Übertragungen aus dem Fußballstadion: Die Reporter bräuchten ewig lange Kabel, sogar Kabelträger und würden andere Personen behindern. Für Kabelinstallationen ist der Aufwand auch um ein Vielfaches größer als für den Aufbau von Drahtlostechnik, es dauert wesentlich länger und bindet mehr Personal. Für das Tagesgeschäft gibt es deshalb eigentlich nichts anderes als Funktechnik, das Kabel ist eine absolute Notlösung. Wenn ich an die Ski-WM oder den Papstbesuch denke: Da wurde aus dem Hubschrauber berichtet, insgesamt 1.200 drahtlose Strecken waren verplant. Da ist das Kabel keine Alternative.

Als Funkbeauftragter sind Sie für die Zulassung der Funksysteme bei den Behörden verantwortlich. Wie hat die Frequenzkoordination beim G7-Gipfel funktioniert?

Die Frequenzplanung lief über das Bundespresseamt und die Bundesnetzagentur. Dort mussten sich alle interessierten Teams innerhalb einer bestimmten Frist anmelden und Wunschfrequenzen sowie mögliche Ausweichfrequenzen für ihr Equipment angeben. Nach der Deadline fangen die Planer dann an, Frequenzen zu belegen, so dass jeder möglichst seine Wunschfrequenz erhält oder zumindest eine Ausweichfrequenz, die sein Equipment kann. Dann gibt es immer noch eine so genannte „White List“ an übrigen freien Frequenzen für Teams, die sich erst nach der Deadline anmelden. Die müssen dann allerdings das nehmen, was noch da ist – wenn keine Ausrüstung für die entsprechenden Frequenzen vorhanden ist, haben diese „Spätanmelder“ Pech gehabt. Wer unangemeldet hinfährt, muss sich sowieso auf den Gebrauch von Kabelausrüstung einstellen.

Wie stellt die Bundesnetzagentur sicher, dass die Frequenzplanung auch tatsächlich eingehalten wird?

Die Bundesnetzagentur ist mit Messwägen anwesend. Es gibt manchmal Teams, die ohne Anmeldung zu Events fahren und einfach ihr Equipment anschalten, also der Frequenzplanung nicht bekannt sind. Kommt es zu Störungen, dann nimmt die Bundesnetzagentur Kreuzpeilungen vor. So findet sie Störer in der Regel schnell. Dann sendet sie Personal zum betreffenden Team, und das störende Gerät muss ausgeschaltet werden. Die Bundesnetzagentur kann auch Geldstrafen aussprechen oder Equipment beschlagnahmen, falls ohne Frequenzzuteilung gearbeitet wird. Es ist daher gut, wenn sie bei einem Event vor Ort ist. Leider gilt das nur für Großveranstaltungen.

Die Spektrumsnutzer müssen sich also zunehmend selbst koordinieren?

Genau. Das ist bei immer knapperem Spektrum natürlich eine ungute Situation: Jeder will senden und darf es auch, weil er eine gültige Frequenzzuteilungsurkunde vorweisen kann. Wer von den Kontrahenten hat das Recht, sich durchzusetzen und den anderen zum Abstellen aufzufordern? In der Regel greift man dann auf das Hausrecht zurück: Derjenige, der es innehat – zum Beispiel das Fußballstadion – entscheidet, wer senden darf und wer nicht oder wer ausweichen muss. In der Regel ist der Verantwortliche aber kaum greifbar und hat auch gar nicht das nötige technische Verständnis.

Bei welchen Events übernimmt die Bundesnetzagentur die Frequenzkoordination, bei welchen nicht?

Es gibt dafür zwei Kriterien: Wenn erstens die Sicherheit tangiert ist und zweitens ein Event von großem öffentlichem Interesse ist. Da gibt es natürlich Interpretationsspielraum – im Grunde liegt es im eigenen Ermessen der Bundesnetzagentur, wann sie sich einschaltet. Bei einem G7-Gipfel ist die Sache klar. Aber bei anderen Fällen nicht unbedingt, wie zum Beispiel bei einem Open-Air-Konzert oder im Fußballstadion.

Aber die Koordination funktioniert ja auch ohne Bundesnetzagentur?

Es funktioniert bei Ad-hoc-Einsätzen nur deshalb, weil meist nicht so viele Teams vor Ort sind und zufällig unterschiedliches Equipment haben. Bei schnellen Einsätzen kann sowieso im Vorfeld keine Frequenzplanung gemacht werden, zum Beispiel bei der Flüchtlingskrise am Münchner Hauptbahnhof. Aber bei Großevents wird es schwierig.

Fällt Ihnen eine Veranstaltung ein, die eine besonders große Herausforderung für die drahtlose Berichterstattung ist?

Zum Beispiel das Oktoberfest: Es gibt meines Wissens nach keine Frequenzplanung, und es kommen sehr viele Journalisten dorthin. Das ist ganz schwierig zu machen, die Bierzelte schirmen Funksignale kaum ab. Ein Tonmeister hat mir erzählt: Ihm stehen immer die Schweißperlen auf der Stirn, wenn „o’zapft is“. Denn um das einzufangen, ist drahtlose Technik unbedingt nötig, alles ist in Bewegung. Und man weiß nie: Schaltet jemand im Nachbarzelt ein Gerät auf der gleichen Frequenz ein oder nicht.

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„O’zapft is“: Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) beim Wies’n-Anstich 2015. Foto: muenchen.de

Solche Verhältnisse könnten in Zukunft immer öfter eintreten. Welche Vorbereitungen trifft der BR, um eine möglichst störungsfreie Produktion weiterhin sicherzustellen?

Wir tauschen nach und nach unser Equipment aus und kaufen Systeme, die ein möglichst großes Frequenzspektrum abdecken können. Wenn das eigene Equipment 80 Prozent des noch existierenden Spektrums abdeckt, steigt die Chance, dass man vor Ort noch einen Kanal findet, der nicht von anderen Teams belegt ist. Das ist das Einzige, was man tun kann. Dieses Equipment kostet aber auch besonders viel. Für große Rundfunkanstalten mag es noch zu finanzieren sein. Aber kleinere Anwender, Veranstaltungstechniker, Opernhäuser oder Theater, können das nicht stemmen. Zuerst haben sie 2010 den 700-MHz-Bereich zugewiesen bekommen und umgerüstet – jetzt müssen sie dasselbe Geld nochmal in die Hand nehmen. Eigentlich ist das eine Farce. Bei drahtlosen Produktionsmitteln ist es nicht so wie bei IT, die man nach drei Jahren in die Tonne tritt und die dann auch abgeschrieben ist. Sondern hochwertige Audiotechnik läuft durchaus 10 Jahre oder länger.

Der einzig langfristige Ausweg scheint: Die Politik muss zügig handeln und zumindest eine „Digitale Dividende 3“ verhindern, außerdem qualitativ hochwertiges Ersatzspektrum für die bislang verlorenen Frequenzen bereitstellen.

Die Qualität des Spektrums ist absolut entscheidend. Aus dem bereits versteigerten Spektrum bei 700 MHz will die BNetzA den Downlink-Bereich des Mobilfunks (das sind die Frequenzen, auf denen die Mobilfunk-Basisstationen senden) nutzbar halten. Aber wer von den professionellen Anwendern kann sich auf einen solchen Anwendungsfall einlassen? Man weiß ja meist nicht, wo die nächste störende Mobilfunk Basisstation steht. Die Mobilfunker legen aufgrund des Wettbewerbs untereinander diese Daten nicht einfach offen, und es gibt laufende, auch sehr kurzfristige Veränderungen. Man kann natürlich irgendwo im 3-GHz-Band alternative Frequenzen suchen. Aber diese Bereiche sind aufgrund der Körperdämpfung, wenn man ein Mikrofon am Körper trägt, nicht geeignet – die Reichweite geht dann gegen Null. Nicht umsonst hat man bisher das UHF-TV-Spektrum unter 1 GHz genutzt.

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Externe Links:

 

Fußnoten:

[1] White Space Devices nutzen Frequenzbereiche, in denen momentan kein anderer Nutzer aktiv ist (so genannte „White Spaces“). Sie prüfen zunächst automatisch, ob Frequenzen belegt sind. Wenn nicht, gehen sie dort in Betrieb, in der Regel, um eine Internetverbindung via Funk herzustellen.

[2] BOS: Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Damit sind unter anderem zivile Einsatzkräfte wie Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst gemeint.

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