DomStufen-Festspiele Erfurt: technischer Leiter Christian Stark im Interview

„Mit Kabel-Mikros wären wir nicht mehr konkurrenzfähig“

Christian Stark

Christian Stark, technischer Leiter des Theaters Erfurt. Foto: Lutz Edelhoff

In Deutschlands Theaterfestival-Landschaft haben sich die Erfurter DomStufen-Festspiele als feste Größe auf Top-Level etabliert. Schon lange kommen die Zuschauer nicht mehr nur aus Erfurt und Umgebung, sondern aus der ganzen Welt. Doch die Konkurrenz schläft nicht: Neben der einzigartigen historischen Kulisse auf den Stufen zwischen Mariendom und Severikirche muss Erfurt als Festspielort auch mit einem hochwertigen Programm und effektvollen Inszenierungen punkten. Drahtlose Produktionsmittel spielen dabei eine entscheidende Rolle. Sie sichern nicht nur ein Klangerlebnis in besonders hoher Qualität, sondern auch die Bewegungsfreiheit der Schauspieler und damit die „Action“ auf der Open-Air-Bühne.

Einblick hinter die Kulissen gibt Christian Stark, technischer Leiter des Theaters Erfurt und damit auch der DomStufen-Festspiele, im Interview mit „SOS – Save Our Spectrum“. Wir haben mit ihm über den Stand der Technik, die Gefahren von Funkstörungen und die Bedeutung der Festspiele für den Tourismus gesprochen. Die „Digitale Dividende“ hat das Theater Erfurt in Form von teuren Umrüstungen ohne Mehrwert zu spüren bekommen.

Herr Stark, Sie sind technischer Leiter des Theaters Erfurt und der DomStufen-Festspiele. Worin bestehen Ihre Aufgaben?

Es beginnt bei Heizung, Lüftung und Klimaanlage und geht bis hin zu Bühnenmaschinerie, Beleuchtung und Audiotechnik. Bei allem, was das Technische betrifft, bin ich der Ansprechpartner für die Regisseure und Künstler innerhalb des Theaters Erfurt. Dazu kommen die DomStufen-Festspiele als Open-Air-Spielstätte für sechs Wochen im Sommer. Technischer Leiter bin ich seit September 2010, also seit knapp sechs Jahren. Insgesamt arbeite ich in verschiedenen Positionen schon seit über 30 Jahren am Theater Erfurt.

Open-Air-Theater auf den Erfurter Domstufen: Szene aus der Oper „Der Freischütz“ (2015). Foto: Lutz Edelhoff

Welche Rolle spielen drahtlose Produktionsmittel? Wie wichtig sind sie, gerade für die DomStufen-Festspiele?

Sehr wichtig. Schon bei den allerersten Festspielen im Jahr 1994 war ich dabei. Damals hatten wir noch nicht so viele drahtlose Strecken zur Verfügung wie heute. Nur zwischen zwei und vier davon konnte man sich überhaupt leisten. Alles andere wurde mit festen Mikrofonen abgenommen. Heute kann man sich das kaum mehr vorstellen: Über die 23 Meter breiten Domstufen wurden Drahtseile gespannt und daran Mikrofone aufgehängt. Man hat also letztendlich den Raumklang abgenommen und nicht die Sänger direkt. So ging das los. Danach haben wir alle Entwicklungsstufen der Technik mitgemacht, heute haben manche Produktionen bis zu 110 Kanäle. Dieses Jahr mit der Oper „Tosca“ nutzen wir 80 drahtlose Strecken.

Als Sie noch überwiegend mit Kabelmikrofonen gearbeitet und nur den Raumklang abgenommen haben – war das ein spürbarer Qualitätsunterschied für die Zuschauer?

Ja, auf jeden Fall. Man kann schon sagen, dass die Qualität für das Publikum mit drahtlosen Mikrofonen deutlich höher ist. Durch diesen Qualitätssprung sind die Tickets zwar etwas teurer geworden. Aber diesen Weg mussten wir gehen, weil der Konkurrenzkampf zwischen den Festivals größer wird. Alle 50 Kilometer gibt es ja mittlerweile ein Festival, wenn das nicht sogar zu knapp gerechnet ist. Thüringen hat traditionell eine sehr hohe Theaterdichte, in irgendeiner Form hat fast jede Stadt ihr eigenes Open Air. In diesem Umfeld muss man etwas Besonderes bieten, um sich abzuheben. Die Leute kommen nicht nur wegen des Doms, sondern auch, um ein möglichst hochwertiges Akustik-Erlebnis zu genießen.

Könnte man die Festspiele heute notfalls immer noch mit Kabel produzieren?

Wenn man heute immer noch mit Kabel-Mikros arbeiten würde, dann wären die DomStufen-Festspiele längst nicht mehr konkurrenzfähig, längst nicht mehr zeitgemäß. Kabel schränkt die Kunst erheblich ein, weil man z.B. die Sänger dann positionieren muss. Aber das, was eine Oper oder ein Musical ausmacht, nämlich die Bewegung, die Handlung, würde verloren gehen. Eine Spieloper, mit der das Genre tatsächlich bedient wird, kann ohne drahtlose Produktionsmittel eigentlich nicht mehr stattfinden.

Merken Sie, dass das Frequenzspektrum für die Produktion der DomStufen-Festspiele nach den Frequenzversteigerungen der letzten Jahre knapper geworden ist?

Diese Thematik machen wir uns als Theater relativ einfach: Alle Aufgaben rund um die drahtlose Technik geben wir an einen externen Dienstleiter ab, der sich dann um die Details der Realisierung kümmert – auch um die Frequenzplanung. Wir geben vorab nur die Anforderungen bekannt. Ich glaube aber schon, dass es für die Dienstleister immer schwieriger wird, unsere Wünsche zu erfüllen, auch in dem geforderten Ausmaß. Aber bis jetzt, toi, toi, toi, hat es noch immer geklappt. Der Job wird in Form von Ausschreibungen immer für zwei Jahre vergeben.

Inwiefern haben Sie selbst oder das Theater Erfurt die Frequenzversteigerungen zu spüren bekommen – die „Digitalen Dividenden 1“ und „2“?

Wir mussten leider die 25 Drahtloskanäle, die wir hier im Theater haben, teuer auf neue Frequenzbereiche umstellen. Das war 2011, nach der ersten „Digitalen Dividende“. Von der BAFA haben wir keinen Cent Ausgleichszahlungen erhalten, weil unser Equipment ganz knapp zu alt und schon abgeschrieben war. Diese Kosten mussten wir also als Stadttheater-Betrieb zusätzlich aus dem laufenden Haushalt stemmen, und das war schon bitter. Die Mittel haben uns an anderer Stelle für Investitionen oder die Werterhaltung gefehlt.

Hat Ihr Publikum etwas von der „Digitalen Dividende“ mitbekommen? Also z.B. von Funkstörungen, von technischen Umstellungen oder von den Einsparungen, die dafür nötig waren?

Nein, und das hätte auch auf gar keinen Fall passieren dürfen. Die Zuschauer sind unser höchster Wert und können ja auch nichts für die Situation. Die kaufen sich eine Karte und erwarten dann zurecht, dass sie eine perfekte Oper oder Theatervorstellung geboten bekommen. Wahrscheinlich würden die Besucher ihr Geld zurückfordern, wenn die Qualität leiden würde, oder sie würden einfach gar nicht mehr kommen. Das wäre dann der Tod.

Wie teuer war die Umstellung nach der ersten „Digitalen Dividende“?

Es waren genau 32.843,90 Euro. Wohlgemerkt nur für das Umprogrammieren der Geräte. Ganz austauschen mussten wir sie zum Glück nicht. Trotzdem waren das Kosten ohne Mehrwert, denn vor der „Digitalen Dividende“ hat die Technik ja prinzipiell genauso funktioniert, nur eben auf anderen Frequenzbereichen.

Im letzten Jahr gab es noch eine Frequenzversteigerung, die „Digitale Dividende 2“. Viele Kulturbetriebe müssen erneut ihre Geräte umrüsten. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Zum Glück müssen wir im Theater nicht erneut investieren. Wir können die Geräte einfach auf den neuen Frequenzen betreiben. Wie es bei den DomStufen-Festspielen aussieht, wird sich zeigen. Wenn der Dienstleister Mehrkosten hat, wird das für uns als Auftraggeber natürlich im Preis spürbar werden.

Eingangsbereich und Absperrungen des DomStufen-Festivals, links die Tribünen-Aufbauten. Die Domstufen sind durch die Bäume in der Mitte verdeckt. Foto: Lutz Edelhoff

Hatten Sie bisher schon einmal Funkstörungen bei den DomStufen-Festspielen oder im Theater?

Vereinzelt hatten wir die typischen rhythmischen Handystörungen, die jeder kennt, der schon einmal in der Nähe eines Lautsprechers eine SMS bekommen hat. Das lag aber nicht nur am Publikum, sondern auch an der Disziplin der Schauspieler und Musiker, die ja eigentlich auch verpflichtet sind, ihr Handy auszuschalten. Unser Theater ist aber ein so massiver Stahlbetonbau, dass ohnehin kaum ein Handyempfang möglich ist. Beim DomStufen-Festival ist bis jetzt noch keine Funkstörung aufgetreten. Zu technischen Problemen kam es dort höchstens wegen Schweiß oder Regenwasser.

Das DomStufen-Festival ist für seine spektakuläre Open-Air-Bühne bekannt. Im letzten Jahr beispielsweise hatten Sie 200 Baumstämme im Bühnenbild verarbeitet. Wie aufwändig ist der Aufbau?

Wir bauen an den Domstufen die komplette Infrastruktur eines Theaters. Dazu gehören z.B. Garderoben, Duschen und Toiletten, auch ein Foyer-Bereich und die Zuschauertribüne mit 2.000 Sitzplätzen. Parallel dazu entsteht die Bühnendekoration, zur Stromversorgung muss eine Starkstromverteilung gelegt werden. Zwischen 70 und 100 Personen sind jedes Jahr am Aufbau vor Ort beteiligt. Zusätzlich haben wir während der Festspielzeit laufend Umbauten: Wir machen ja nicht nur die „Tosca“, sondern auch noch ein Kinderstück. Dieses Jahr heißt es „An der Arche um Acht“. Wir haben davon elf Vorstellungen am Vormittag. In das „Tosca“-Bühnenbild muss also noch ein zweites Bühnenbild integriert werden, in dem die „Arche“ spielt. Und das ist ebenfalls ein ziemlicher Aufwand. Die „Tosca“ steht immer, die „Arche“ wird dazu gebaut.

Wie sieht der Bühnenaufbau in diesem Jahr aus?

Wir bauen den Erzengel Michael nach, eine in Bronze gegossene Figur, die auf der Engelsburg in Rom steht. Aber bei uns steht sie nicht mehr, sondern ist gefallen und liegt in Stücken mit einer Flügelspannweite von 30 Metern über die Domstufen verteilt. Bis zur Fertigstellung am 17. Juni war der Erzengel fast 12 Wochen lang in den Werkstätten. Im Juli beginnt der Aufbau, eine Woche ist dafür einkalkuliert. Dann folgt eineinhalb Wochen lang der Probebetrieb, und am 11. August ist Premiere. Dann werden drei Wochen lang Vorstellungen gespielt und abschließend drei Tage lang abgebaut. Inklusive Aufbau, Abbau und Proben dauert das Festival also sechs Wochen.

Bühnenbildmodell für „Tosca“ 2016 mit dem Bühnenbildner Hank Irwin Kittel (links) und dem Regisseur Jakob Peters-Messer. Foto: Lutz Edelhoff

Wie viele Zuschauer erwarten Sie im Jahr 2016?

Das lässt sich nur schwer prognostizieren, da wir als Open-Air-Veranstaltung sehr wetterabhängig sind. Im letzten Jahr hatten wir einen perfekten Festspiel-Sommer mit fast ausschließlich trockenem Wetter und einem neuen Besucherrekord. Insgesamt haben wir etwa 35.000 Zuschauer gezählt, etwa 30.000 davon sahen den „Freischütz“, 5.000 das Kindermusical „Das Dschungelbuch“. Das entspricht einer Auslastung von mehr als 99 Prozent. Diese Zahlen werden 2016 nur schwer zu toppen sein, auch, wenn der Vorverkauf bis jetzt sehr gut läuft. Unser Ziel sind 80 bis 90 Prozent Auslastung, also um die 30.000 Besucher.

Wie wichtig sind die DomStufen-Festspiele für Erfurt im Hinblick auf den Tourismus? Lassen sich hier Zahlen nennen?

Nach meiner Information liegt der Anteil der Besucher aus Erfurt bei ungefähr 30 Prozent. Der weitaus größte Teil reist also extra für die DomStufen-Festspiele an, wie das auch bei anderen Festspielen z.B. in Bad Hersfeld, Bayreuth oder Bregenz der Fall ist. Wir haben Reisegruppen aus ganz Deutschland und auch viele internationale Besucher – aus Europa, aber auch aus den USA, Australien oder China. Erfurt hat mit seinem mittelalterlichen Stadtkern einiges zu bieten. Deswegen kommen die Leute normalerweise nicht nur einen Tag für die Festspiele, sondern verbinden es mit einem Kurzurlaub. Alles in allem sind die Festspiele für Hotellerie und Gastronomie ein großer Pluspunkt und dürften tausende zusätzliche Übernachtungen bringen.

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