Funk bei Großevents: Interview mit Frequenzmanagerin Svenja Dunkel

„Irgendwo wird es eskalieren“

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Höchste Konzentration ist gefordert: Svenja Dunkel koordiniert bei der ECHO-Verleihung 2016 die Funktechnik hinter der Bühne. Foto: Jörg Küster

Seit etwa 15 Jahren betreut Svenja Dunkel als selbstständige Frequenzmanagerin große Live-Produktionen, darunter viele bekannte Bühnenacts wie Helene Fischer oder Herbert Grönemeyer und die Verleihung des Musikpreises ECHO. Bei ihrer Arbeit erlebt sie hautnah, was die Verknappung des Funkspektrums in Deutschland für die Profis auf und hinter der Bühne bedeutet. Aufgrund ihrer Erfahrungen sagt sie: Die Politik hat noch nicht begriffen, welchen Schaden sie mit ihren Frequenzauktionen anrichtet. Auch Künstler und Produzenten hätten in vielen Fällen noch nicht verstanden, dass Frequenzmangel ihre gestalterische Freiheit bei Bühnenshows bedroht. Lesen Sie hier das vollständige Interview.

Ihre Berufsbezeichnung lautet „Frequenzmanagerin“. Was sind Ihre Aufgaben?

Ich sage gerne, ich bin Koordinatorin oder Technikerin, weil sich unter „Frequenzmanagerin“ viele nichts vorstellen können. Im Vorfeld eines Live-Events ist zunächst einiges an Kommunikationsarbeit zu leisten. Ich muss klären, welche Technik eingesetzt und was bei der Show damit erreicht werden soll. Wie bewegt sich der Moderator oder Künstler auf der Bühne, was hat er dabei – Mikrofon, Taschensender, In-Ear-System? Hält er sich vor einer LED-Wand auf, kommt er aus einem Tunnel heraus, läuft er quer durch den Raum, weil ihm die Regie sagt, dass das besser aussieht? Werden Personen auf die Bühne geschossen, durch die Luft gezogen, oder ähnliches? Es gibt viele Gestaltungsmöglichkeiten, weil die Technik inzwischen sehr weit fortgeschritten ist und ein hohes Maß an Bewegungsfreiheit erlaubt. Vor allem bei Großevents gibt es in der Regel mehr als nur einen Hersteller für die Mikrofontechnik. Und es sind nicht nur die Bühnenmikrofone zu beachten. Fernseh- und Radioteams mit ihrem Equipment kommen hinzu.

Wie bringen Sie alle diese verschiedenen Komponenten so miteinander in Einklang, dass das Event funktioniert?

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Svenja Dunkel bei der Arbeit – hier bei der Vorbereitung des ECHO 2016. Foto: Jörg Küster

Ich entwickle im Kopf, am Computer oder auf einem Blatt Papier eine Grundstruktur: Was habe ich, was will ich, und was will vor allem der Künstler oder die Produktion? Was passt wie zusammen? Im Idealfall habe ich im Vorfeld schon so viele Informationen, dass ich eine erste Rechnung zur Frequenzbelegung machen kann. Die Rechnungen sind bei großen Mehrkanalanlagen sehr aufwendig, und wenn man erst vor Ort damit anfängt, hat man kaum mehr eine Chance, da die Zeit im Aufbau und in den Probensituationen fehlt. Am besten ist es, wenn man vor Ort nur noch Angleichungen machen muss.

Aber bei der theoretischen Rechenarbeit endet es nicht. Ich baue die Technik auch mit auf und nehme sie in Betrieb. Denn nur so weiß ich hinterher, wo mögliche Fehlerquellen liegen. Ich sehe mir auch an, was in den Proben mit der Technik passiert, und laufe mit den Darstellern mit. Wenn es zum Beispiel einen Kostümwechsel gibt, dann weiß ich: Das Kabel muss gegebenenfalls neu verlegt und der Funk somit während des laufenden Betriebes de- und wieder reinstalliert werden. Das mache ich dann am liebsten selber.

Welche großen Events haben Sie bis jetzt betreut?

Inzwischen habe ich elf Jahre lang durchgehend den deutschen Musikpreis ECHO betreut, auch 2016 wieder. Außerdem den LEA Life Entertainment Award und die 1LIVE Krone seit knapp 10 Jahren. Auch bei der Verleihung des Musikpreises Comet habe ich mitgewirkt. Das sind alles große Fernsehproduktionen, wo jede Menge Koordinationsarbeit nötig ist – mit verschiedenen Bands und ihrem Equipment, mit Radioteams, mit Ü-Wagen. Ich bin überall da gefragt, wo es kniffelig wird und besonders viel Funk zum Einsatz kommt. Ich habe diverse Musik-Acts betreut, zum Beispiel in den letzten eineinhalb Jahren Helene Fischer. Davor Herbert Grönemeyer, Fanta4, Manowar oder Xavier Naidoo. Gerne rufen auch die Monitor-Techniker diverser Künstler vor der Tour bei mir an, um sich einen Rat oder eine Empfehlung zwecks Koordination abzuholen.

Und wer beauftragt Sie?

Das ist ganz verschieden. Die großen Herstellerfirmen für drahtlose Mikrofone, die Produktionsfirmen, die Verleihfirmen für Veranstaltungstechnik, die Fernsehproduktionen – alle, die Bedarf haben.

Wie viele Funkstrecken sind bei einer Großveranstaltung wie der ECHO-Verleihung zu koordinieren?

Meistens sind es zwischen 180 und 220 Funkstrecken, im Schnitt also 200. Wobei das nicht alles nur Mikrofone und In-Ear-Strecken der Künstler sind, sondern zum Beispiel auch Funkgeräte der Crew und Kamera- sowie Lichtsysteme. Alle diese Geräte können sich gegenseitig stören und müssen koordiniert werden.

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Aufwändige Bühnenshow: Die ECHO-Verleihung am 7. April 2016 markierte gleichzeitig das 25jährige Jubiläum des Musikpreises. Auf der Bühne: Peter Maffay. Foto: BVMI / Sinissey

Wie lang dauert die Vorbereitung für einen Großevent wie den ECHO?

Summa summarum kommt man schon auf etwa 4 Wochen. Mal ist es eine Stunde Vorbereitung am Tag, mal sind es 12 Stunden. Vor Ort bin ich sechs Tage lang im Dauereinsatz.

Ist es schwierig, 200 Strecken im bestehenden Funkspektrum unterzubringen?

Ja, das hat schon nach der ersten Digitalen Dividende angefangen, als wir den 800-MHz-Bereich verloren haben. Damit fehlten uns auf Anhieb etwa 60 MHz. Da dachte ich schon: Ups, das wird aber eng. Dadurch, dass ich den ECHO zum Glück schon länger mache, kenne ich den Bedarf und konnte die Technik dementsprechend anpassen. An einigen Stellen musste ich zusammenstreichen und die Planungen im Vorfeld noch rigoroser durchführen.

Aber es gab keine Einschränkungen in Bezug auf die Show?

Nein, zum Glück nicht. Ich habe darauf geachtet, dass das Equipment so zusammengestellt wird, dass die Anforderungen nach wie vor erfüllbar sind. Noch ist es auf diesem Wege machbar.

Haben Sie schon einmal erstzunehmende Störung bei einem Event erlebt?

Jeder versucht, Störungen in einer laufenden Produktion tunlichst zu vermeiden. Auch ich arbeite im Vorfeld akribisch dafür, dass nichts passiert. In den Proben treten hin und wieder Funkstörungen auf, die vor Publikum natürlich unbedingt vermieden werden müssen. Da reicht es schon, wenn ein Künstler neben einer sehr großen Lampe steht und diese in den Handsender einstreut. Wenn er dann einen Meter zur Seite tritt, ist diese Störung weg. Das sind alles Erfahrungswerte aus der Probe, die man so nutzen kann, dass es während der Show keine Probleme gibt. Von Kollegen habe ich schon Ausreißer mitbekommen, aber bei mir – toi, toi, toi – ist noch nichts produktionsgefährdend gewesen.

Welche Auswirkungen wird die Digitale Dividende 2 haben? Wenn die Mobilfunkbetreiber ihre Netze im 700-MHz-Bereich in Betrieb nehmen und die Umstellung auf DVB-T2 beginnt, wird das Spektrum noch knapper.

Ich gebe nur ungern Prognosen ab. Abzusehen ist allerdings, dass der Job der Frequenzmanagerin nochmals deutlich an Gewicht gewinnen wird. Wenn in einem engeren Spektrum alles noch näher beieinanderliegt, wird es immer schwieriger, ein Event störungsfrei zu produzieren. Die Leute werden dann selbst bei wenig Equipment verstehen, dass ein Frequenzmanager bei Touren und anderen Produktionen Sinn macht. Auch, dass es ein Gewerk für sich ist, das nicht ein Monitor-Mann, ein FOH-Mann[1] oder ein Bühnen-Mann mal eben miterledigen kann, und dass man es ordentlich in die Budgetierung und Personalplanung mit aufnehmen muss. Produktionen werden nur fehlerfrei funktionieren, wenn man absolut sauber arbeitet. Und das heißt: ein Gewerk, ein Mensch. Der Frequenzmanager muss sich ohne Zusatzaufgaben auf seinen Job konzentrieren können. Je nach Größenordnung und Aufwand werden es in Zukunft gegebenenfalls sogar mehrere Menschen in der Funkabteilung pro Event oder Tour sein müssen. Sonst hat man keine Chance.

Was bedeutet das in Bezug auf Großveranstaltungen?

Bei Großproduktionen wie dem ECHO wird es definitiv Änderungen geben. Hier wird man alle Rationalisierungsmöglichkeiten ausreizen müssen und zum Beispiel mit Digitaltechnik arbeiten. Damit lässt sich aber nur sehr begrenzt Spektrum einsparen. Ein ECHO wird nur im gewohnten Umfang machbar sein, wenn das gesamte verfügbare Funkspektrum alleine für die Veranstaltung belegt werden kann. Das kommt allerdings in der Praxis so gut wie nie vor. Besonders in den großen Städten finden in der Nähe oft noch weitere Events mit drahtlosen Produktionsmitteln statt, zum Beispiel Messen. Auch sind die DVB-T-Kanäle, die im jeweiligen Gebiet auf Sendung sind, zu beachten. Zusätzlich laufen momentan DVB-T2-Testkanäle an. In welchen Städten getestet und wann eingeschaltet wird, ist oft nicht bekannt.

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Auch bei Helene Fischers Stadion-Tournee „Farbenspiel“ 2015 war Svenja Dunkel für die Funktechnik verantwortlich. Hier posiert sie mit drahtlosem Mikrofon vor Bühnenaufbauten. Foto: Jörg Küster

Es gibt also Unterschiede je nachdem, wo das Event stattfindet?

Jede Stadt, jedes Land muss anders gedacht und geplant werden. Das macht das ganze so komplex und oftmals Messungen im Vorfeld nötig. Auch während des Events muss ständig gemessen werden, schon heute hat man hinter der Bühne zusätzlich Messeinrichtungen zu beaufsichtigen. Mitunter ist das inzwischen ein eigener Job für eine zusätzliche Person, vor allem bei politischen und sportlichen Großveranstaltungen. Das alles wird in Zukunft noch stärker spürbar werden. Es wird einfach alles noch schärfer und allen Beteiligten mehr Disziplin abverlangen. Auslöschungen und Reflektionen in der Halle oder störende LED-Wände, beziehungsweise Video- und Lichttechnik generell, werden stärker als bisher ein Problem darstellen. Ich kann mir schon vorstellen, dass Funkstörungen unter dem Strich häufiger werden.

Mehr Druck auf die Profis, mehr Disziplin, technische Möglichkeiten ausreizen – auch diese Möglichkeiten sind irgendwann erschöpft. Kann so die Zukunft aussehen?

Das sind alles Zugeständnisse, die wir machen müssen, weil die Politik keine Ahnung hat, was sie da letztendlich kaputt macht. Ich glaube, dass man sich keinen Gefallen tut, wenn man bei den Frequenzauktionen Luft veräußert und dabei nicht weiter denkt als zwei, drei, vier Jahre. Es ist in der Praxis total widersinnig. Erstens können die Herstellerfirmen nicht so schnell innovative Geräte erfinden, die das auffangen. Zweitens müssen ja auch die kompletten Produktionsstraßen umgebaut werden. Wenn ein Gerät entwickelt ist, dann muss ich es erst einmal verkaufen, damit es sich rentiert hat. Und der Anwender muss es eine gewisse Zeit lang ohne Einschränkungen einsetzen können. In Abständen von ein bis fünf Jahren ein Gerät zu entwickeln und herzustellen, und dann ändert die Regierung wieder die Gesetze für Funk, das funktioniert nicht und schadet der Veranstaltungswirtschaft.

Würden Sie sich wieder mehr Spektrum für drahtlose Produktionen wünschen?

Aber sowas von [lacht]. Ja klar. Das Arbeiten wird nicht einfacher und natürlich würde ich das 700-MHz-Spektrum am liebsten behalten. Die Künstler mit ihrem Regie- und Produzententeam wollen bei der Showgestaltung schneller, höher, weiter. Und die Technik steht prinzipiell ja auch bereit. Aber der Funk wird immer kleiner, schmaler, enger. Irgendwo wird es eskalieren. Es hilft nichts, wenn die technischen Möglichkeiten theoretisch zwar wachsen, man in den einzelnen Produktionen aber immer eingeschränkter und unflexibler wird, weil die nötigen Frequenzen fehlen.

Bislang geht der Trend leider dahin, dem Mobilfunk auf Kosten professioneller Produktionen immer mehr Spektrum zuzusprechen. Die EU-Kommission hat aktuell vorgeschlagen, auch Frequenzen unter 700 MHz für den Mobilfunk zu öffnen.

Tendenziell werden sich alle Funkaktivitäten ausweiten, egal, ob es der Mobilfunk ist, selbstfahrende Autos oder drahtlose Produktionsmittel. Nur das Spektrum ist bei all dem physikalisch begrenzt. Wenn man sich nicht näher auskennt, dann sieht es so aus, als ob 200 MHz für PMSE zur Verfügung stehen, und dass man diese 200 MHz lückenlos belegen kann. Dass das nicht machbar ist, wissen die Wenigsten. Dass es Interferenzen und Auslöschung gibt oder dass einiges von dem Spektrum bereits von anderen Diensten genutzt wird, und so weiter. Die physikalischen Grundgesetze und ihre Auswirkungen sind oftmals nicht bekannt. Aber wenn man das alles mit einbezieht, dann wird das nutzbare Spektrum winzig. Und wenn kein Entertainment wie gewohnt mehr möglich ist, dann wird man sich irgendwann umgucken.

Ist den Künstlern schon bewusst, dass Spektrumsmangel ihre gestalterischen Möglichkeiten gefährdet?

Ich glaube, dass es vielen Künstlern und Produzenten noch nicht bewusst ist. Sie befassen sich oftmals wenig mit der Materie und für uns Techniker ist es entsprechend schwierig, die Einschränkungen zu erklären. Künstler sprechen natürlich mit der Produktionsleitung, dem Regisseur und anderen Verantwortlichen über ihre Pläne für die Show, aber nur selten direkt mit dem Frequenztechniker. Eine frühzeitige gemeinsame Planung wird in Zeiten knappen Spektrums aber immer wichtiger und die Umsetzung technisch anspruchsvoller und auch teurer werden. Mein Job ist es dann, eine Lösung zu finden – wobei der Spielraum mit dem Spektrum leider schwindet. Im schlimmsten Fall kann das in ein paar Jahren heißen, dass bestimmte Ideen schlicht nicht mehr umsetzbar sind.

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Fußnoten:

[1] Unter „Front of House“ oder FOH wird ein abgegrenzter Raum im Zuschauerbereich verstanden, in dem zum Beispiel Ton- und Lichttechniker arbeiten. Auf großen Festivals ist dies normalerweise ein Gerüstturm inmitten des Publikums.

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