Der Sounddesigner Sven Treeß im Interview

„Jeden Tag drohen Frequenzstörungen“

Der Hamburger Sven Treeß ist ein bekannter „Recording and Mixing Engineer“ vor allem im Musicalgeschäft. Er ist vorrangig mit großen Produktionen unterwegs, hilft aber seit 18 Jahren auch einem gemeinnützigen Verein, der die Freilichtbühne in Tecklenburg (bei Osnabrück) betreibt. Sie ist mit mehr als 2300 Sitzplätzen das größte Freilichtmusiktheater Deutschlands. Seit 1924 werden dort Theaterstücke, Opern, Operetten, Musicals und andere Musikveranstaltungen aufgeführt. Vor einigen Jahren musste dort – wegen der Frequenzverknappung durch die „Digitale Dividende 1“ – eine komplett neue Sende- und Empfangsanlage installiert werden.

Herr Treeß, Sie sind Sounddesigner für große aufwendige Produktionen und auch für kommunale Theater und eine Freilichtbühne. Sie kennen also alle Seiten des Tongeschäfts. Gibt es Probleme für Funkmikrofone?

Man muss die professionellen Produktionen unterscheiden von den Sorgen und Nöten etwa der kommunalen Theater und unserer Freilichtbühne. Bei großen Musicalshows sind die Frequenzprobleme derzeit gerade noch beherrschbar. Die Produktionen mieten im Vorfeld eine Anlage für die Laufzeit einer Tour, alles wird vorprogrammiert, alle notwendigen Frequenzbereiche sind beantragt. Manchmal muss eine Frequenz umprogrammiert werden, oder es ist eine persönliche Koordination notwendig. Dafür gibt es im Team einen Techniker, der dann vor Ort Ausweichfrequenzen programmiert, damit die Show störungsfrei über die Bühne gehen kann.

Anders ist die Lage bei kommunalen Theatern, Freilichtbühnen, Ehrenamtlichen. Hier steigt der Stress seit Jahren. Bei jeder Produktion sind die Tonleute am rotieren, um freie Frequenzen zu suchen. Die Frequenzbelegung kann sich von Tag zu Tag ändern. Immer häufiger erlebt man Frequenzwechsel oder gesperrte Bänder.

Was ist der Grund dafür?

Vermutlich sind Testsender aus dem TV-Bereich oder von LTE die Ursache, gerade in Zeiten der Umstellung auf DVBT-2. Man muss jeden Tag die Frequenzen scannen und schauen, ob gerade neue Sender hinzugekommen sind. Dazu kommt das Problem, dass die Feldstärken variieren. Wochenlang gibt es auf einer Frequenz keine Störung, plötzlich gibt es dann doch eine heftige Modulation, das kann mitten in einer Vorstellung passieren, aber die Ursache ist häufig nicht zu ermitteln. Ob die Handys der Zuschauer im LTE-Band dazu beitragen, wäre nur eine Vermutung.

Was kann ein Sounddesigner dagegen tun?

Wir lassen bei der Freilichtbühne in Tecklenburg inzwischen immer einen Analyser/ Frequenzscanner im Hintergrund laufen – viele Hersteller bieten das auch mit ihren Empfängern an, die mit kostenloser Software über ein Notebook einen Empfänger zum Scanner werden lassen. Heutzutage ist Software unverzichtbar, die alles pausenlos kontrolliert und das gesamte Frequenzspektrum abscannt. Auf einer Frequenzachse wird dann dargestellt, welche Bereiche belegt sind und welche nicht. Zum Glück haben wir noch das 700er MHz-Band. Da ist oft noch Platz. Aber es gibt keine Garantie, dass ein Platz auch in zwei Wochen noch frei ist. Deshalb sollte vor einer Produktion stets geprüft werden, ob der gewählte Frequenzbereich frei ist – das bewahrt vor unliebsamen Überraschungen.

Sven Treeß, Sounddesigner

Gibt es oft Störungen?

Störungen sind selten, unter der Bedingung, dass man höllisch aufpasst. Das ist eine Menge Arbeit, viele Recherchen über freie Frequenzen und einen steigenden Aufwand für das Tonabteilungsteam. Das betrifft vor allem Musicalauftritte. Gerade in kommunalen Theatern machen die Leute das ja nicht jeden Tag. Daher wird dann meist ein Tontechniker komplett dafür abgestellt, die Frequenzsituation im Auge zu behalten – vor und während der Veranstaltung. Ich habe schon erlebt, dass aufgrund eines Festes – neben dem Theatergebäude – kurz vor Showbeginn Störungen begannen und man den Sängern neue Sender unter den Kostümen anbringen musste. Das verursacht Stress und Verzögerungen für alle Beteiligten. Hauptdarsteller werden übrigens oft doppelt mit Mikrofonen bestückt. Sie können sich vorstellen, was es bedeutet, wenn das alles kurzfristig ausgetauscht werden muss!

Und das war früher anders?

Das war früher anders. Früher waren aber auch die Produktionen nicht so aufwändig, es gab weniger oder keine Funkmikrofone. Das bedeutete natürlich auch weniger lebhaften und auch interaktiven Kulturgenuss für den Zuschauer. Vor allem aber drängten sich weniger Nutzer auf den schmalen Bändern. Es gab definitiv weniger Störungen von außen als heute. Dank der Verbesserung der Funktechnik ist aber allgemein die Betriebssicherheit heutzutage höher zu bewerten. Dabei sind die meisten Mikrofone, die wir einsetzen, bis heute noch kabelgebunden, etwa im Orchestergraben oder Backstage. Aber auf der Bühne geht das natürlich nicht. Das würde Sänger und Schauspieler enorm einschränken.

Manche verlangen schon eine „Digitale Dividende 3“, der Mobilfunk sollte weitere Frequenzen im 600er-Band bekommen…

… das würde ein Problem geben für Stadttheater und ehrenamtliche Aufführungen aller Art. Das verbleibende Spektrum ist ein komfortables Frequenzband. Wenn das im Rahmen einer „Digitalen Dividende 3“ wegfiele, würde das die heutigen Schwierigkeiten potenzieren – vieles kann dann nicht mehr stattfinden. Außerdem müssten dann viele Kultureinrichtungen wieder neue Anlagen kaufen oder die vorhandenen umrüsten. Das hatten wir schon einmal. Damals gab es zwar Erstattungen und finanzielle Hilfen, aber die waren gedeckelt.

Die großen Musicalbetreiber können immer eine Lösung finden, aber die haben auch viele Ressourcen. Problematisch wird es für die kleinen und mittleren Häuser und Kultureinrichtungen. Es darf aber zu keiner „Zwei-Klassen-Kultur“ kommen, bei der nur noch die Großen störungsfrei arbeiten können.

Was fordern Sie also von der neuen Bundesregierung – diese hat bestätigt, dass das vorhandene Spektrum 470 – 694 MHz bis zum Jahr 2030 erhalten bleiben soll?

Wir brauchen verlässliche Zusagen und gesetzliche Regelungen über Frequenzzuteilungen. Vor allem brauchen die kleineren Kultureinrichtungen Investitionssicherheit. Der Gesetzgeber sollte sich von den Mobilfunkanbietern bestätigen lassen, dass bestimmte Frequenzbänder auf mindestens 15 Jahre garantiert werden und frei bleiben. Schließlich ist die „Luft“, die da versteigert wird, vorrangig Allgemeingut!

Außerdem brauchen wir mehr Transparenz, wenn Mobilfunkanbieter Feldversuche mit LTE machen. Da erleben wir oft Störungen und können die Ursache nicht richtig aufklären – eine Website mit Informationen über Inbetriebnahmen ist notwendig. Wenn dagegen wir mal – ungewollt – einen Nachbarn am Theatergebäude stören, der dann Probleme beim Fernsehen hat, steht direkt der Peilwagen vor der Tür und uns wird mit rechtlichen Konsequenzen gedroht.

Könnten Sie digitalisieren – und damit die Frequenzprobleme umgehen?

Digitale Funkmikrofone haben viele Vorteile. Als Nachteil werden immer die Latenzen genannt. Ich sehe das nicht so dramatisch. Sänger merken eine Latenz von 10 Millisekunden nicht, das ist das Gleiche als wären sie 3 Meter von der Monitorbox entfernt. Kritischer sind da Musiker, die rhythmisch arbeiten, wie Schlagzeuger oder manche Gitarristen. Die haben schon bei wenigen Millisekunden Latenz ein ungutes Gefühl. Außerdem kann man nicht alles auf Digital umstellen. Das wären enorme Kosten. Nach den ersten beiden „Digitalen Dividenden“ haben viele Häuser neue Anlagen gekauft. Das ging ordentlich ins Geld. Mehr Geld gab es von den Kommunen oder den Bundesländern dafür nicht. Deshalb sollte das, was sie jetzt haben, auch noch viele Jahre nutzbar sein.

 

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