„Digitale Dividende 3“ in Vorbereitung

Mobilfunk-Lobby will letzten Rest Spektrum

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Flaggen der GSM Association (GSMA), der weltweiten Industrievereinigung der Mobilfunkanbieter, beim Mobile World Congress 2015 in Barcelona. Quelle: Malay Mail Online

 

Es reicht noch immer nicht! Obwohl die „Digitale Dividende 2“ mit der Versteigerung der Frequenzen 694 – 790 MHz an den Mobilfunk noch nicht einmal vollzogen ist und der Frequenzbereich der „Digitalen Dividende 1“ nur spärlich ausgebaut ist, bereitet dessen Lobby schon den nächsten Schritt vor. Im Rahmen einer „Digitalen Dividende 3“ wollen sich die Mobilfunkunternehmen auch den letzten noch verfügbaren Rest des UHF-TV-Spektrums einverleiben, das Frequenzspektrum 470 – 694 MHz. Sie wollen damit auch die lukrative Verbreitung der TV-Programme als Zusatzgeschäft übernehmen. Die Nutzer drahtloser Mikrofone und Programm- sowie Veranstaltungsproduktionen stehen damit nicht mehr nur am Abgrund, sondern sind den fatalen „einen Schritt weiter“: Denn sie sind aus physikalischen Gründen auf das UHF-TV-Spektrum angewiesen. Rettung in Form eines gleichwertigen Ersatzspektrums ist weiterhin nicht in Sicht – entgegen der Beteuerungen der Politik.

EU-Konsens als „Hindernis“

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Unterschriften-Zeremonie bei der letzten World Radio Conference (WRC) 2012 am Sitz der Vereinten Nationen in Genf. Die Konferenz tagt etwa alle 2-4 Jahre. Quelle: ITU

Wie der Nachrichtendienst Policy Tracker aktuell berichtet, sehen die Vertreter der Mobilfunkindustrie den momentanen EU-Konsens als ein „Hindernis“ auf ihrem Weg zu mehr Spektrum und zur Ausweitung ihres Geschäfts. Die EU ist bisher noch nicht bereit, die restlichen UHF-TV-Frequenzen 470 – 694 MH für die Nutzung durch den Mobilfunk auf die Agenda der nächsten World Radio Conference (WRC) zu setzen. Der Frequenzbereich soll vorerst weiterhin für das digitale Antennenfernsehen und damit auch für drahtlose Produktionsmittel bereitstehen.

Die WRC entscheidet international verbindlich über die Nutzung von Funkfrequenzen. Im November dieses Jahres findet im schweizerischen Genf die nächste Konferenz statt. An der Vorbereitung beteiligt sind unter anderem die Europäische Kommission und ihr Beratungsgremium in Frequenzfragen, die Radio Spectrum Policy Group (RSPG), außerdem das Electronic Communications Committee (ECC) der Europäischen Konferenz der Verwaltungen für Post und Telekommunikation (CEPT). Die Mobilfunkindustrie versucht auf die Position dieser Organe Einfluss zu nehmen. Mit der GSM Association, in der hunderte Mobilfunkunternehmen weltweit zusammengeschlossen sind, kann sie auf eine starke Lobby-Organisation bauen. Der SOS-Partnerverband APWPT und die Hersteller drahtloser Produktionstechnik versuchen, die Delegierten über den Frequenzbedarf beim Einsatz drahtloser Produktionsmittel zu informieren.

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Bilck ins Plenum der World Radio Conference (WRC) 2012.

 

Mobilfunk braucht dieses Spektrum nicht

Das UHF-TV-Spektrum ist für drahtlose Produktionsmittel und die Kultur- und Kreativwirtschaft existenziell notwendig. Dies gilt nicht für den Mobilfunk. Der Grund dafür ist die physikalische Beschaffenheit des Spektrums: Die UHF-Funkwellen durchdringen Bühnenkulissen ohne weiteres, auch bei der technisch bedingt sehr geringen Sendeleistung drahtloser Mikrofone sind Reichweiten von 100 Metern oder mehr möglich. Moderatoren, Schauspieler oder Musiker können sich frei bewegen, sowohl auf der Bühne wie auch im Publikum – ohne dass die Tonqualität leidet oder das Signal abreißt. In anderen Frequenzbereichen findet man diese Bedingungen so nicht. Sie müssen aber gegeben sein, damit weiterhin Shows und Bühnendarbietungen in der heute bekannten Form stattfinden können.

Der Mobilfunk behauptet, das Spektrum für den Breitbandausbau zu benötigen. Es fällt jedoch schwer, dies nachzuvollziehen: Im Frequenzbereich 800 MHz, den der Mobilfunk bereits im Jahr 2010 im Rahmen der „Digitalen Dividende 1“ erhalten hatte, ist das Netz bislang noch sehr lückenhaft ausgebaut. Das international tätige Beratungsunternehmen LS telcom kommt bei seinen Untersuchungen zum dem Ergebnis, dass bisher nur rund 50% des für den Mobilfunk zur Verfügung stehenden Spektrums auch genutzt wird (siehe Download am Ende des Artikels). Ein echter Bedarf, dem Mobilfunk weiteres Frequenzspektrum zuzuweisen, besteht damit nicht. Beobachter vermuten eher, dass sich die Mobilfunkunternehmen das Spektrum sichern wollen, um sich ein neues Geschäftsmodell zu erschließen: Die TV-Übertragung. Für die Zuschauer hätte dies den Nachteil zusätzlicher Kosten für den TV-Empfang.

„Wir begrüßen die Haltung der Europäischen Union und fordern Bundesregierung und Bundesnetzagentur auf, sich endlich aktiv für den Erhalt des verbliebenen Spektrums für die drahtlosen Produktionsmittel einzusetzen“, so Helmut G. Bauer, Verantwortlicher der Initiative „SOS – Save Our Spectrum“. „Bevor über eine ‚Digitale Dividende 3‘ nachgedacht wird, muss die Politik ihr Versprechen einlösen und den Nutzern drahtloser Mikrofone langfristig qualitativ ausreichendes Ersatzspektrum zur Verfügung stellen. Zudem muss der Mobilfunk sein reichlich vorhandenes Frequenzspektrum effizienter nutzen.“

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Untersuchungen der LS telcom zum Download (Zusammenfassung):

  LS telcom_Welchen tatsächlichen Spektrumsbedarf hat der Mobilfunk.pdf (518,2 KiB, 880 hits)

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