Systemhaus-Inhaber Thomas Jaggo im Interview

Politik legt Markt für Funkmikrofone lahm

Fronleichnamsprozession in Regensburg. Auch Kirchen leiden unter der aktuellen Unsicherheit.

Eigentlich ist die Nachfrage nach professionellen drahtlosen Produktionsmitteln in Deutschland hoch. Denn überall benötigen Anwender dringend neue Technik: Entweder aufgrund von neuen Projekten, oder weil die bereits installierten Mikrofonanlagen zu einem großen Teil spätestens 2019 ausgetauscht oder umgerüstet werden müssen („Digitale Dividende 2“). In deutschen Theatern, Kirchen, Bildungseinrichtungen, Sitzungssälen und Konferenzzentren herrscht dringender Investitionsbedarf.

Bei Fachhändlern wie der Firma Jaggo Media sind die Auftragsbücher in diesen Tagen voll – aber gerade bei professionellen Funksystemen herrscht Zurückhaltung. Die Kunden sind verunsichert und stellen Investitionen zurück, auch Geschäftsführer und Experte Thomas Jaggo kann ihnen in vielen Fällen nicht weiterhelfen. Klingt unglaublich? „SOS – Save Our Spectrum“ hat mit Thomas Jaggo über die Hintergründe gesprochen.

Herr Jaggo, Ihr Unternehmen verkauft Technik, bietet aber auch Verleih und Veranstaltungsbetreuung an. Wo liegen Ihre Schwerpunkte?

Thomas Jaggo, Geschäftsführer Jaggo Media.

Unser Schwerpunkt ist der Verkauf. Wir planen, installieren, warten und messen die Technik ein, hauptsächlich für die Festinstallation. Unseren Firmensitz haben wir in Sinzing bei Regensburg. Einer unserer langjährigen Kunden ist die Regensburger Domadministration, für sie leisten wir auch Betreuung mit einem längerfristigen Vertrag. In Regensburg gibt es pro Jahr ca. acht bis zehn Prozessionen, die größte davon an Fronleichnam. Die Technik stammt von uns und wir sorgen laufend dafür, dass sie funktioniert. Es sind viele drahtlose Produktionsmittel mit dabei – zum Teil Sonderanfertigungen, denn Prozessionen stellen besondere Anforderungen.

Haben Sie viele Kirchen unter Ihren Kunden?

Ja, gerade in Bayern sind Kirchen sehr zahlreich. Sie machen etwa ein Viertel unseres Kundenstamms aus. Im Jahr 2001, bei der Firmengründung, haben wir vielfach mit Kirchen unser Geschäft begonnen. Weitere Kunden sind zum Beispiel die Kassenärztliche Vereinigung Bayern, der Bayerische Landtag, genauso wie verschiedene Theater, Stadthallen, Turnhallen, Schulen. Wir stellen nicht nur Beschallung und Funktechnik bereit, sondern auch induktive Höranlagen, Konferenz- und Medientechnik oder LED-Bühnenbeleuchtung. Alles wird von uns geplant und installiert. Wir haben auch viele Kunden aus der Automobil- und aus der fertigenden Industrie. Ich bin froh darüber, dass unser Kunden- und Angebotsspektrum so breit gefächert ist. Denn so ist es eine relativ krisenfeste Konstellation.

Wie ist die Stimmung bei Ihren Kunden?

Nach den beiden Frequenzauktionen der letzten Jahre ist eine große Verunsicherung zu spüren. Die Digitale Dividende 1 war noch vermittelbar. Allerdings gab es damals ja die aus heutiger Sicht fatale Ansage, dass Nutzer mobiler Produktionstechnik ins 700-MHz-Band wechseln sollen. Daraufhin wurde dort natürlich viel investiert. Nur fünf Jahre später wurde der 700-MHz-Bereich als Digitale Dividende 2 ebenfalls an den Mobilfunk versteigert. Zuerst gab es noch die Information, es bliebe dort zumindest eine neue Mittenlücke für Funkmikrofone übrig, wie im 800-MHz-Bereich. Daran haben sich viele orientiert, auch wir haben entsprechende Empfehlungen an unsere Kunden gegeben. Erst vor kurzem gab es dann die Nachricht, dass auch die Lücke künftig von anderen Diensten genutzt werden soll und für drahtlose Produktionsmittel komplett verloren geht.

Hier drängt die Zeit inzwischen enorm, weil das gesamte Band bis 2019 geräumt werden muss. Auch viele kirchliche Kunden nutzen bislang den 700-MHz-Bereich für ihre Prozessionen. Nach einer Nutzungsdauer von nur sieben Jahren muss komplett umgerüstet und in beträchtlichem Umfang neu investiert werden. Einige Kunden haben jetzt erst einmal einen Investitions-Stopp verhängt, bis klar ist, welche Frequenzen künftig genutzt werden können. Das weiß zurzeit aber keiner. Zwar ist klar, dass alle Nutzer in den Frequenzbereich 470 – 694 MHz ausweichen müssen. Aber niemand kann heute verbindlich sagen, welche Kanäle dort künftig von DVB-T2 belegt sein werden.

Sie wissen also nicht, was Sie empfehlen sollen – und die Kunden erst recht nicht, was sie kaufen sollen?

Genauso ist es leider. Um unser Dilemma anschaulich zu machen: Viele Prozessions-Anlagen in Bayern sind eine teure Sonderanfertigung und haben sehr schmalbandige UHF-Booster, um das Funksignal zu verstärken. Nur so kann es störungsfrei über große Distanzen zu allen Stationen des Prozessionszuges übertragen werden. Im Prinzip kann man unterm Strich nur eine bestimmte Frequenz nutzen und ist unbedingt darauf angewiesen, dass diese Frequenz auch frei ist. Wenn man nun aber eine Frequenz auswählt und in zwei Jahren funkt dort ein DVB-T2-Sender – dann hat man umsonst investiert und muss noch einmal Geld in die Hand nehmen, um das System umrüsten zu lassen.

In der gleichen Situation sind wir bei anderen Einrichtungen, wie z. B. einer großen politischen Institution, in welcher bereits ca. 60 Funktrecken im Einsatz sind. Dort läuft momentan ein Angebot über acht sehr hochwertige Funkstrecken. Allerdings treten wir auf der Stelle, weil niemand weiß, für welche Frequenzen man sich denn entscheiden sollte, um wenigstens zehn bis 15 Jahre zu überstehen.

Bedeutet diese Schwebezustand Einbußen für Ihre Firma?

Ja, ganz klar. Es wird nicht in dem Umfang investiert, wie es die Kunden anhand ihrer anstehenden Projekte eigentlich bräuchten. Teilweise sind die Kunden, die jetzt erneut vor einer Umrüstung stehen, auch verärgert. Nach dem Motto: Ihr seid doch die Profis, warum habt ihr das nicht kommen sehen? Aber selbst die Experten vom Bayerischen Rundfunk können bislang nicht sicher sagen, wo in zwei Jahren welche DVB-T2-Sender sein werden. Man hat ganz einfach keinen Anhaltspunkt – weder auf der Kunden-, noch auf der Anbieterseite.

Und es gibt momentan keine Alternative zum UHF-TV-Band?

Was so spezielle Anwendungen wie Prozessionen betrifft, kaum. Denn dort ist Reichweite gefragt. Die UHF-Booster sind dafür gemacht, Züge von mehr als einem Kilometer Länge zu versorgen. Darüber hinaus noch einzelne Stationen in den Ortszentren. Im 13-, 14- oder 1800 MHz-Bereich ist so etwas wegen der Wellenausbreitung kaum realisierbar.

In Institutionen mit vielen parallel laufenden Funkstrecken wäre eher denkbar, teilweise in andere Frequenzen auszuweichen. Zum Beispiel bei der Ausstattung für einen Pressekonferenzraum, der maximal 15 mal 15 Meter groß ist. Dafür eignet sich auch der 1800er-Bereich. Probleme machen könnte es nur, wenn Reporter Geräte von außen mitbringen, die im gleichen Frequenzbereich senden. Denn im 1800-MHz-Band gibt es nicht so viel Platz zum Ausweichen wie im UHF-TV-Band. Wir kennen das Problem von den Stadthallen und Theatern, die bei 1800 MHz unterwegs sind. Die sagen uns: wenn Musikbands mit eigenem Equipment bei uns sind, die den gleichen Frequenzbereich nutzen, wird es schwierig.

Ein Beispiel für eine sehr intensive Frequenznutzung auf engem Raum ist z. B. der Bayerische Landtag. Alleine für den normalen Tagesbetrieb mit Sitzungen, Pressekonferenzen, Tagungen, etc. sind dort schon mal 50 oder 60 Funkstrecken im Einsatz. Wenn dann noch eine größere Veranstaltung im Haus ist, wird es richtig eng. Zum Beispiel bei der Landtagswahl, wenn für die Berichterstattung ungefähr 300 Funkstrecken gleichzeitig aktiv sind.

Ist das verbleibende UHF-TV-Band aus Ihrer Sicht künftig alleine noch ausreichend?

Nein, bei Großveranstaltungen bei weitem nicht mehr. Wenn einmal 200 bis 300 Funkstrecken zusammenkommen – und das ist häufig der Fall – wird man das UHF-Band voll auslasten und zusätzlich noch Frequenzen in allen möglichen weiteren Bereichen belegen müssen. Ein Mix sozusagen, weil die Technik anders schlicht nicht mehr unterzubringen ist.

Welchen Ausweg sehen sie – was ist Ihre Botschaft an die Politik?

Das wichtigste ist, endlich Planungssicherheit im UHF-Band zu schaffen – Planungssicherheit bedeutet auch Investitionssicherheit. Dazu brauchen wir möglichst schnell klare Entscheidungen und Informationen, wo künftig welche DVB-T2-Sender sein werden. Am besten wäre eine Datenbank, in der diese Informationen abrufbar sind, auch Karten, die die Reichweite der einzelnen Sender abbilden. Das UHF-Band hat einfach viele Vorteile, gerade dann, wenn es um Reichweite geht. Es sollte in jedem Fall langfristig zur Nutzung erhalten bleiben.

Und wir brauchen in jedem Fall zusätzliche Frequenzbereiche, in denen drahtlose Produktionsmittel Primärnutzerstatus haben – mit einer Mindestlaufzeit von 15 Jahren. Am besten europäisch harmonisiert, damit das Equipment auch über die Landesgrenzen hinaus nutzbar bleibt. Aber zur Not hilft auch eine nationale Regelung schon weiter.

Diese beiden Dinge brauchen wir: (a) Planungssicherheit im UHF-Band mit den entsprechenden Informationen zur Senderbelegung und (b) zusätzliche Ersatzfrequenzen mit Primärnutzerstatus. Dann wüsste ich wieder, was ich meinen Kunden guten Gewissens anbieten kann.

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