Interview mit ZDF-Produktionsdirektor Dr. Andreas Bereczky

„Die Durchführung von Produktionen gerät in Gefahr“

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Jochen Breyer, ZDF-Sportreporter und Moderator des „aktuellen sportsudios“, im Interview mit einem Spieler von Borussia Mönchengladbach bei den Play-offs zur Champions League 2012/2013. Copyright: ZDF/Marianne Müller

Deutschland steuert weiter auf eine kritische Situation der Frequenzknappheit zu. In ihren Anfängen ist sie schon heute für die Profis spürbar, die auf Showbühnen, in Fernsehstudios oder bei Live-Reportagen drahtlose Produktionsmittel wie Funkmikrofone einsetzen (wir berichteten). In Zukunft könnten auch die Zuschauer die negativen Konsequenzen erfahren: In Form von langweiligen und statischen Sendungen, Tonstörungen oder dem Wegfall von spontanen Live-Interviews.

Wir haben Dr. Andreas Bereczky, Produktionsdirektor des ZDF, im Detail darüber befragt, welche Rolle drahtlose Produktionsmittel heute spielen, welches Funkspektrum benötigt wird, wie die politische Lage einzuschätzen ist und welches Resümee der öffentlich-rechtliche Sender für die Zukunft zieht.

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Dr. Andreas Bereczky, Produktionsdirektor des ZDF. Foto: © ZDF/Carmen Sauerbrei

 

Teil 1: Fernsehproduktionen und drahtlose Produktionsmittel

Welche Bedeutung haben drahtlose Produktionsmittel bei Eigenproduktionen des ZDF?

In heutigen professionellen Produktionen wird eine Vielzahl drahtloser Produktionsmittel (PMSE – Programm Making and Special Events) eingesetzt. Dazu gehören vornehmlich drahtlose Mikrofone, In-Ear-Monitoring-Anlagen und Kameras. Weiterhin kommen drahtlose Kommando- und Regiedienste, Betriebsfunk, Ton- und Meldeleitungen hinzu. Ein Produktionsablauf ohne PMSE-Equipment ist heute nicht mehr vorstellbar. Insofern messen wir den drahtlosen Produktionsmitteln und deren zuverlässigem und störungsfreiem Einsatz höchste Bedeutung zu.

Für welche Produktionen setzt das ZDF kabelgebundene Mikrofone ein, für welche Produktionen drahtlose Produktionsmittel? Was sind die Gründe?

Kabelgebunde Mikrofone können im Grunde überall dort eingesetzt werden, wo auf Bewegungsfreiheit verzichtet werden kann. Das trifft insbesondere für Studioproduktionen oder bei Produktionsstätten mit Moderatoreneinsätzen, die keine Bewegungsfreiheit erfordern, zu.

Drahtlose Produktionsmittel hingegen bieten Flexibilität und eine schnelle Reaktionsfähigkeit auf aktuelle Ereignisse. Sie ermöglichen einen schnellen Auf- und Abbau und damit verkürzte Umbau- und Probezeiten. Studioräume können durch deren Einsatz effizienter genutzt und der Arbeits- und Personalaufwand optimiert werden.

Wie viele drahtlose Strecken setzt das ZDF in der Regel beim Fernsehgarten oder bei vergleichbaren Shows ein?

Für das Tagesgeschäft der Berichterstattung durch EB-Teams[1] setzen wir rund vier drahtlose Mikrofone, zweimal Rückhören und drei Sprechfunkgeräte an. Für unsere eigenen Produktionen auf dem ZDF-Gelände nutzen wir 36 Kanäle für Funkmikrofone, 14 Kanäle für In-Ear-Monitoring und 8 Kanäle für Sprechfunk. Hinzu kommen vier drahtlose Kameras und deren Telemetriefrequenzen. Bei größeren Shows, wie z.B. rückblickend bei „Wetten, dass…?“, wurden 60 Mikrofonfrequenzen, 28 Kanäle In-Ear-Monitoring und 12 Sprechfunkfrequenzen sowie mindestens zwei drahtlose Kameras und deren Telemetriefrequenzen eingesetzt.

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Talkrunde bei Maybrit Illner (links Edmund Stoiber und Sigmar Gabriel): Funkmikrofone werden als Anstecker an der Kleidung getragen. Foto: © ZDF/Svea Pietschmann

Wie verändern Funkmikrofone und In-Ear-Systeme die Produktionen? Hat ihre Zahl in den letzten Jahren zugenommen?

Der Einsatz dieser drahtlosen Produktionsmittel weist durch anspruchsvollere Berichterstattungen und Produktionen hohe Steigerungsraten auf und ist für die Programmproduktion unverzichtbar. Drahtlose Systeme sind seit Jahren fester Bestandteil aller Produktionen. Der Verzicht könnte soweit führen, dass auch inhaltlich anders gestaltet werden müsste.

Ist der Produktionsaufwand gestiegen, weil immer mehr Frequenzen koordiniert werden müssen? Setzt das ZDF bei großen Produktionen extra Frequenzkoordinatoren ein?

Ja, durchaus. Die engen Vorgaben durch begrenzte Frequenzressourcen sowie Einschränkungen durch konkrete Orts- und Zeitangaben erhöhen den Koordinierungsaufwand. So rechnen wir für Sport-Großereignisse rund zehn Manntage und für eine Landtagswahl rund drei Manntage alleine für die Frequenzkoordinierung ein. Das ZDF wie auch die Landesrundfunkanstalten der ARD haben hierfür einen eigenen Frequenzbeauftragten.

Musste das ZDF nach der Räumung des 800-MHz-Bandes Funkmikrofone „verschrotten“ oder konnte es diese umstellen? Wie ist die Situation im Zusammenhang mit der Räumung des 700-MHz-Bandes?

Der Kernbereich für drahtlose Produktionsmittel des Rundfunks lag in der Vergangenheit im Frequenzbereich 470 – 790 MHz bzw. 470 – 710 MHz. Die direkte Betroffenheit durch die 800-MHz-Räumung hielt sich somit in engen Grenzen. Die überschaubare Anzahl der beim ZDF betroffenen Anlagen konnte im Rahmen von Investitionszyklen ersetzt werden. Ähnlich sieht es bei der Räumung des 700-MHz-Bereichs aus. Die betroffenen Anlagen werden größtenteils im Rahmen der üblichen Investitionszyklen ausgetauscht.

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ZDFheute: Moderator Steffen Seibert im virtuellen Nachrichtenstudio. Foto: © ZDF/Kerstin Bänsch

Wie wird sich die Konzentration von TV-Sendern und drahtloser Produktionstechnik im Bereich 470 – 694 MHz in Zukunft auf die Produktionen auswirken? Werden insbesondere in Ballungsräumen noch genügend Frequenzen für größere Veranstaltungen und Produktionen verfügbar sein?

Der Frequenzbereich 470 – 790 MHz ist seit jeher der Kernbereich für den Betrieb von drahtlosen Mikrofonen der Rundfunkanstalten. Die Räumung des 800-MHz- und jetzt des 700-MHz-Bandes führen zur Verlagerung aller terrestrischen TV-Rundfunksender im In- und Ausland in den Frequenzbereich 470 – 694 MHz. In Deutschland wird der Bereich bereits bis Mitte 2019 vom Rundfunk geräumt. Das führt insbesondere in den Ballungsräumen, wo das volle DVB-T- bzw. künftig das DVB-T2-HD-Angebot bereits sechs UHF-Kanäle belegt, zu erheblich reduzierten Frequenzressourcen für die drahtlosen Produktionsmittel. Neben den DVB-T- bzw. DVB-T2-Sendern müssen u.a. drahtlose Mikrofone und In-Ear-Anlagen, die derzeit im 700-MHz-Bereich betrieben werden, ebenfalls künftig in den Bereich 470-703 MHz umziehen. Folglich kommt es zu einer deutlichen Verknappung der für drahtlose Produktionsmittel verbleibenden Frequenzressourcen.

Die Durchführung von Produktionen gerät dadurch in Gefahr. Das gilt insbesondere für Großereignisse. Die Spektrums-Anforderungen für die Olympischen Sommerspiele 2012 in London hätten nach Aussagen der Organisatoren unter diesen Bedingungen nicht mehr erfüllt werden können. Auch der Eurovision Song Contest, wie er im Jahre 2011 in Deutschland stattgefunden hat, wäre nach einer Untersuchung des NDR unter diesen Bedingungen nicht möglich gewesen.

 

Teil 2: Bedarf an Funkspektrum

Welche Frequenzen will das ZDF künftig für drahtlose Produktionen nutzen? Welche Frequenzen sind dafür geeignet?

Aus unserer Sicht ist auch zukünftig für professionelle drahtlose Rundfunkproduktionen ein von Mobilfunkdiensten geschützter und auf Einzelzuteilungen basierender Frequenzbereich notwendig. Idealerweise ist dies der für Rundfunk sowie für Anwendungen zur professionellen drahtlosen Produktion heute ausgewiesene Frequenzbereich 470 – 703 MHz. Er bietet optimale physikalische Ausbreitungsbedingungen. Für diesen Kernbereich sehen wir keine Ersatzmöglichkeit. Eine lizenzfreie Nutzung im Rahmen einer Allgemeinzuteilung muss auch zukünftig ausgeschlossen sein.

Gemäß den aktuellen „Verwaltungsvorschriften für Frequenzzuteilungen im nichtöffentlichen mobilen Landfunk (VVnömL)“ sind auch Frequenzbereiche im LTE-Downlink-Bereich von 758 – 788 MHz und von 791 – 821 MHz als optionale Zusatzkapazität für Funkmikrofone vorgesehen. Diese kommen für eine professionelle Mitnutzung nach unserer Auffassung jedoch nicht in Frage. Selbst für in-house Einsätze wären für einen störungsfreien Betrieb Mindestabstände zu den LTE-Basisstationen im Kilometerbereich notwendig. Auch die Mittenlücken im 700-MHz- und 800-MHz-Band sind durch LTE-Uplink-Signale teilweise beeinträchtigt. Der lizenzfreie Bereich von 863 – 865 MHz ist kaum für professionelle Anwendungen nutzbar. Die Nutzung des Bandes 1785-1805 MHz unterliegt ähnlichen Bedingungen und den sich daraus ergebenden Einschränkungen für eine professionelle Nutzung. Die niederen Frequenzbereiche 32,475 – 38,125 MHz und 174 – 230 MHz sind durch das sogenannte „Man-Made-Noise“ stark belastet und kommen für einen professionellen Einsatz ebenfalls nicht in Frage.

Die CEPT (European Conference of Postal and Telecommunications Adminstrations) hat jüngst Untersuchungen für Audio-PMSE im Frequenzbereich 1350 – 1400 MHz abgeschlossen und als ECC Report 245 veröffentlicht. Auch das Band 1492 – 1525 MHz wird untersucht. Der Teil von 1492 – 1518 MHz wurde jedoch auf der WRC für Mobilfunk zugewiesen. Nur die oberen sieben MHz könnten weiter für PMSE untersucht werden. Ob die Hersteller für diese Bereiche professionelle Funkmikrofone entwickeln werden, wird sich erst in Zukunft zeigen. Frequenzbereiche über 2 GHz sehen wir auf Grund der geringen Reichweite und dem Problem der Körperdämpfung für Funkmikrofone sehr kritisch.

Im Jahr 2020 soll das 700 MHz Band komplett geräumt sein. Welche Konsequenzen erwarten Sie, wenn die Politik nicht rechtzeitig Ersatzfrequenzen bereitstellt?

Die Frequenzkoordination wird zunehmend schwieriger. Eine zuverlässige Vorab- und insbesondere Vor-Ort-Koordination ist notwendig. In Einzelfällen und insbesondere bei Großereignissen wird man nicht immer alle Ansprüche auf drahtlose Funkstrecken erfüllen können. In diesen Fällen muss gezwungenermaßen z.B. auf kabelgebundene Mikrofone mit all ihren Einschränkungen umgestiegen werden.

Zeitnahe innovative Lösungen (z.B. Digital- und Cognitiv-Techniken), die Investitionssicherheit und eine langfristige Nutzungsperspektive bieten, sind dringend von Politik und Industrie gefordert. Leider sind diese zum heutigen Zeitpunkt nicht erkennbar.

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Übertragungswagen des ZDF bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen (Düsseldorf) 2010. Foto: © ZDF/Stefan Menne

 

Teil 3: Politische Rahmenbedingungen

Wie agiert das ZDF auf europäischer Ebene, um genügend Spektrum für drahtlose Produktionsmittel zu sichern?

Wir arbeiten sehr eng mit dem Institut für Rundfunktechnik (IRT), den Kollegen der ARD, der EBU[2] sowie unserem ZDF-Brüssel-Büro zusammen, um unsere gemeinsamen Interessen in Punkto PMSE-Spektrum auch auf europäischer Ebene fachlich stichhaltig und kraftvoll zu vertreten.

Reicht der Beschluss des Europäischen Rates aus, den Bereich 470 – 694 MHz in jedem Fall bis 2030 für Fernsehen und drahtlose Produktionsmittel zu sichern?[3] Kann er White Space Devices[4] in diesem Frequenzbereich und den von der EU vorgesehenen SDL[5] verhindern?

Die Forderungen von ARD und ZDF, den Vorschlag der Europäische Kommission zu Downlink-Only unterhalb von 700 MHz („Flexibility proposal“) zu streichen, wurden im EU-Rat zwar berücksichtigt, aber anders umgesetzt und durch eine klare Aussage zur Zukunft des Bandes für Rundfunk ersetzt. Jegliche andere Nutzung des Bandes, z.B. Mobilfunk, ist nachrangig und hat keinen Schutzanspruch. Außerdem soll der Bereich 470 – 694 MHz bis mindestens 2030 dem Rundfunk exklusiv erhalten bleiben. Das EU-Parlament ist derzeit noch in der Phase der Positionsfindung. Die Verabschiedung der Entscheidung ist für den Herbst vorgesehen. Sollte wider Erwarten das EU-Parlament diese Entscheidung nicht mittragen oder weiter aufweichen, so ist zumindest auf nationaler Ebene die Position der auch vom Bundesrat bestätigten Ablehnung eines „Supplementary Downlink (SDL)“ unterhalb des 700 MHz-Bandes durchzusetzen. Der Rundfunk benötigt sowohl für seine anstehende DVB-T2-HD Einführung als auch für ausreichend PMSE-Frequenzspektrum langfristige Planungssicherheit.

Der EU-Ratsbeschluss zu SDL erlaubt, dass die Mitgliedsstaaten Mobilfunk im Bereich 470 – 694 MHz zulassen können, wenn dadurch Nachbarstaaten nicht gestört werden. Ist das die Tür, um dieses Spektrum auch noch an den Mobilfunk zu geben?

Hier kommt es auf die individuelle Rundfunknutzung des UHF-Spektrums durch DVB-T oder DVB-T2 des jeweiligen Nachbarstaates an. Im Falle der Räumung des 800-MHz- als auch des 700-MHz-Bereichs von Rundfunkdiensten zu Gunsten des Mobilfunks ist Deutschland Vorreiter in Europa. Aktuell sehen wir mit dem geplanten Umstieg von DVB-T auf DVB-T2 und dem Ausbau des Privaten Programmangebots nach dem Motto „use it or lose it“ keine sehr große Gefahr für weiteren Spektrums-Verlust an den Mobilfunk. Selbst die Mobilfunkprovider sprechen sich eher dagegen aus, da sie exklusiv zugeteiltes Spektrum bevorzugen. Lediglich die Mobilfunknetzausrüster haben an einer solchen Lösung Interesse bekundet.

Sollte die EU die außerhalb des UHF-TV-Bandes zur Verfügung stehenden Frequenzen verbindlich innerhalb der EU koordinieren?

Nein, mit den heutigen Frequenzregulierungen über die nationalen (Bundesnetzagentur) und internationalen Behörden und Institutionen (CEPT[6], ITU[7]) hinausgehend sehen wir keinen Bedarf und auch keinen Mehrwert einer Koordinierung der Frequenzen durch die EU.

 
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Externe Links:

 

Fußnoten:

[1] EB steht für „elektronische Berichterstattung“.

[2] Europäische Rundfunkunion, englisch European Broadcasting Union, EBU.

[3] Dies hatte der Europäische Rat am 26. Mai 2016 beschlossen. Nähere Einzelheiten finden Sie hier.

[4] White Space Devices nutzen Frequenzbereiche, in denen momentan kein anderer Nutzer aktiv ist (so genannte „White Spaces“). Sie prüfen zunächst automatisch, ob Frequenzen belegt sind. Wenn nicht, gehen sie dort in Betrieb, in der Regel, um eine Internetverbindung via Funk herzustellen.

[5] SDL steht für Supplementary Downlink, eine bestimmte Mobilfunkanwendung. Der Beschluss des Europäischen Rates vom 26. Mai 2016 sieht eine Ausnahmeregelung vor, nach der einzelne Mitgliedsstaaten bei Bedarf Frequenzen unterhalb von 694 MHz für diese Mobilfunkanwendung freigeben können – auch wenn das Spektrum eigentlich bis 2030 europaweit für drahtlose Produktionen und Rundfunk genutzt werden soll. Ob das EU-Parlament dem Ratsbeschluss zustimmt und er damit Geltung erlangt, ist offen.

[6] CEPT: Conférence Européenne des Administrations des Postes et des Télécommunications, Europäische Konferenz der Verwaltungen für Post und Telekommunikation. Die CEPT ist unter anderem für die Regulierung der Spektrumsnutzung in Europa zuständig.

[7] ITU: International Telecommunication Union, international Fernmeldeunion. Die ITU ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UN) und organisiert die Weltfunkkonferenz (WRC).

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